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| Leseproben |
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Zickenjagd
Ines war froh, als sie aus der Straßenbahn steigen konnte. Irgendwie hatte sie heute das Gefühl, dass alle sie anstarrten, aber wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. Als sie und ihre Mutter voriges Jahr in dieses öde Dorf gezogen waren, hatte Ines kurz überlegt, auch die Schule zu wechseln. Es gab eine Gesamtschule mit einem gymnasialen Zweig im nächsten Ort, nur zehn Fahrradminuten entfernt. Vielleicht würde ein Neuanfang vieles zum Positiven wenden, vielleicht würde sie in einer anderen Schule endlich Freunde finden? Aber Ines war vor dem Schritt ins Ungewisse zurückgescheut. Okay, sie hatte an ihrer alten Schule keine Freunde und häufig wurde über sie gelästert und gekichert, aber selbst das hatte in letzter Zeit nachgelassen. Man schien sich an sie gewöhnt zu haben, sie war einfach da, wie ein Teil des Mobiliars, unbeachtet, so lange sie sich unauffällig verhielt. Ein Zustand, über den sie zwar nicht glücklich war, mit dem sie sich aber arrangiert hatte. Wer konnte schon sagen, was in einer neuen Schule auf sie zukommen würde? Als Neue stand man automatisch im Mittelpunkt des Interesses, wahrscheinlich wäre alles nur noch schlimmer geworden. Außerdem hatte das Gymnasium, das sie jetzt besuchte, einen guten Ruf. Also hatte sie sich entschlossen zu bleiben, auch wenn ihr Schulweg mit Bus, S-Bahn und Straßenbahn nun fast eine Stunde dauerte.
Es war kurz vor acht, von allen Seiten strömten nun Schüler und Schülerinnen herbei, eine schwatzende Masse, die sich die Straße hinunterwälzte, auf das große Tor des Schulhofs zu. Ines schwankte zwischen freudiger Erregung und Furcht. Wie wohl ihre Mitschüler auf ihren neuen Look reagieren würden? Würden sie es überhaupt bemerken? Je näher Ines der Schule kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Vor dem Tor standen Josy, Marlene, Lea und Veronika und steckten die Köpfe zusammen wie ein Büschel Bananen. Diese vier Mädchen waren die Alpha-Tiere des Jahrgangs. Sie bestimmten, wer oder was in oder out war; welche Klamotten und Schuhe man trug oder nicht, welche Musik man hörte, welche Handys gerade angesagt waren und welche Jungs. Ines konnte nicht sagen, ob die vier wirklich beliebt waren oder nur gefürchtet, aber praktisch buhlte jeder um ihre Freundschaft oder zumindest ihre Anerkennung. Wer bei ihnen in Ungnade fiel, hatte nichts zu lachen.
Die Schlimmste war Veronika. Veronika Kiesling: verwöhnt, arrogant, hinterlistig und stets perfekt gestylt. Ines wusste nicht, was ihre Eltern machten, aber sie schien jede Menge Geld zur Verfügung zu haben, jedenfalls sahen ihre Klamotten danach aus. Sie musste Hunderte Paar Schuhe besitzen. Lifestyle-Bitch nannte man sie in der Klasse oder auch Lästerschwester, denn ihren beißenden Sarkasmus hatte schon fast jeder zu spüren bekommen, auch Ines. Besonders Ines. Aber da Veronika eine tolle Figur, langes, schwarzes Haar, volle Lippen und ausdrucksvolle blaue Augen hatte, flogen die Jungs auf sie.
Das kleine kulleräugige Barbiepüppchen neben Veronika war Marlene Timmermann, einzige verzogene Tochter eines Unternehmensberaters. Mit ihren weichen, hellen Locken sah sie aus wie ein Unschuldsengel, doch hinter ihrem naiven, schusseligen Kleinmädchengehabe verbarg sich ein scharfer analytischer Verstand. Neben ihr stand Lea Spindler, die mit den roten Haaren. Sie besaß ein eigenes Reitpferd und regelmäßig nervte sie ihre Umwelt mit Geschichten über ihre Stute Jessi. Einmal hatte Ines sie in der Eilenriede beim Ausritt gesehen. Lea versuchte mit viel Make-up ihre Sommersprossen zu überdecken, dabei war sie auch mit den Sommersprossen hübsch. Sie hatte ein herzförmiges Katzengesicht und grünliche Reptilienaugen, die einen unablässig und gnadenlos mustern konnten, bis man sich ganz klein und mies vorkam. Auch Lea nahm selten ein Blatt vor den Mund und sie liebte Klatsch und Tratsch. Besser als jede Frauenzeitschrift, hatte neulich jemand über sie gesagt. Gelegentlich konnte Lea im Gegensatz zu ihren Freundinnen auch ordinär und prollig sein, doch seltsamerweise nahm ihr das niemand übel. Sie war Klassenbeste in Deutsch und beliebt bei den Lehrern, und das, obwohl sie sich des Öfteren im Unterricht die Nägel feilte oder Kaugummi kaute. Soweit Ines die Strukturen durchschaute, war Lea die beste Freundin von Josy.
Josy Blumenauer – Miss Perfekt: hoch gewachsen, schlank, lange Beine, ebenmäßige Gesichtszüge, große blaue Augen, rasant geschwungene Brauen, eine kleine, gerade Nase – selbst die Zahnspange, die Josy seit einiger Zeit trug, sah an ihr noch gut aus. Gab es überhaupt irgendeinen Makel an ihr? Ihre selbstbewusste Ausstrahlung, ihr geschliffenes Mundwerk und ihr Charme, den sie gezielt einzusetzen wusste, machten sie zum Liebling aller Lehrer und zur Chefin des Alpha-Teams. Noch dazu war sie gut in sämtlichen Schulfächern und herausragend in Englisch und Sport. Und auf Jungs wirkte Josy wie Erdnüsse auf Affen. Seit ein paar Wochen war Josy mit Normen, dem Center der Baskenballmannschaft zusammen. Normen ging in die Abiturklasse, fuhr ein schickes, aufgemotztes Mini-Cabrio und sah einfach umwerfend aus. Natürlich war er der Schwarm aller Mädchen.
Der Tag war sonnig und für den Mai sogar ungewöhnlich warm, Marlene und Lea trugen hauchdünne rosa Kleider und präsentierten ihre durchtrainierten, braun gebrannten Beine auf hohen weißen Sandaletten. Veronikas und Josys Outfit bestand aus weißen Jeans, weißen Sneakers und rosa Oberteilen. Alle vier Mädchen des Alpha-Teams waren Cheerleader einer U-20 Basketballmannschaft, in der fast ausschließlich Schüler ihres Gymnasiums mitspielten. Auch Ines besuchte regelmäßig die Spiele – schon wegen der gut gebauten Jungs, die man da zu sehen bekam. Sie bewunderte die akrobatischen Einlagen der Cheerleader und lachte über deren frechen Sprüche. Wie gerne wäre sie in diesen |
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Momenten ein Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft gewesen! Aber das Alpha-Team wachte eisern über die Neuzugänge zur Gruppe und eine wie sie würden sie niemals in ihren Reihen akzeptieren, das wusste Ines.
Manchmal träumte sie davon, ihr Leben mit einem der vier Mädchen zu tauschen. Am liebsten wäre sie in Josys Haut geschlüpft. Ines malte sich aus, wie es wohl wäre, in einer intakten Familie in einem gepflegten Stadtviertel zu leben, sich sämtliche Klamotten kaufen zu können, die sie haben wollte, und mit einem Jungen wie Normen zu gehen. Warum war die Welt so ungerecht? Warum hatten diese Mädchen alles und sie so wenig?
„Wenn du ein gutes Abitur machst, kannst du alles erreichen, dann steht dir die Welt offen“, pflegte ihre Mutter in völliger Verkennung der gesellschaftlichen Verhältnisse des 21. Jahrhunderts regelmäßig zu behaupten. Lange Zeit hatte Ines ihr geglaubt. Sie hatte sich angestrengt und ein halbwegs akzeptables Notenniveau erreicht. Aber inzwischen wusste sie es besser. Gute Noten reichten nicht aus. Man brauchte gute Beziehungen, gut situierte, einflussreiche Eltern und vor allen Dingen Schönheit, um zu bekommen, was man wollte.
Ines passierte das Schultor und ging so rasch wie möglich an der Vierergruppe vorbei, wobei sie zur Begrüßung kurz mit dem Kopf nickte. Das Alpha-Team zu ignorieren wäre einer Provokation gleichgekommen, und so etwas wagte niemand. Der Gruß wurde nicht erwidert und Ines war schon einige Meter weitergegangen, als sie Veronikas glockenhelle Stimme hinter hörte: „He, Tonne! Bleib mal stehen.“
Ines zögerte. Meinte die etwa sie? Natürlich. Sie hatte den Spitznamen schon beinahe vergessen. Vor einem Jahr, in der neunten Klasse, hatten sie sie eine Zeitlang so genannt, irgendwann aber einfach wieder damit aufgehört. Oder hatte sie seither einfach niemand mehr angesprochen?
„Ja, du! Bleib mal stehen“, rief nun auch Josy. Ines schoss das Blut in den Kopf. Sie drehte sich langsam um und sah vier Augenpaare auf sich gerichtet. Ein paar Sekunden starrten sie Ines an, dann, wie auf ein stummes Kommando hin, wandten die Mädchen den Blick von ihr ab und sahen sich ungläubig an. Hände fuhren an aufgerissene Münder, Augenbrauen schnellten in die Höhe. „Nein!“ – „Das gibt’s doch nicht!“ – „Seht ihr auch was ich sehe?“
Veronika, die mit ihrem hellen Teint und dem schwarzen Haar wie die Reinkarnation von Schneewittchen aussah, bedachte Ines mit einem mitleidigen Lächeln: „Sag mal, hab ich was verpasst? Ist heute irgendein Motto-Tag? Oder Karneval? Gehst du heute als Clown?“
„Oder als Panda“, kicherte Lea.
Ines öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Am liebsten wäre sie einfach weggelaufen, aber nicht einmal das wagte sie. Wie dumm sie gewesen war, zu glauben, dass sich für sie jemals irgendetwas ändern würde.
Josy schüttelte den Kopf. „Mann, Ines! Diese Kriegsbemalung in deinem Gesicht – das geht gar nicht!“
„Und erst diese Glitzer-Hose!“, rief Veronika, die noch vor Kurzem gar nicht genug Glitter und Flitter an sich hatte haben können. Ines erinnerte sich sogar an ein Handy mit Glitzersteinen. Aber wen interessierte, was gestern angesagt war?
„Dein Style ist gruselig. Du brauchst dringend mal ’nen Farb- und Stilberater“, Marlene kicherte und Lea schüttelte in gespieltem Entsetzen ihre roten Locken, die sich mit dem rosa Kleid bissen.
„Und ’nen Personal-Trainer“, fügte Veronika hinzu, während sie Ines noch einmal abfällig von Kopf bis Fuß musterte.
„Das wird aber eine Lebensaufgabe für den“, stellte Josy fest, woraufhin die anderen in haltloses Gelächter ausbrachen.
Ines schluckte. O nein. Nicht auch das noch. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen. Bloß nicht heulen, nicht vor denen.
„He, ihr Hupfdohlen“, mischte sich plötzlich eine dunkle Stimme in die Unterhaltung. „Wie wär’s wenn ihr euch mal selber im Spiegel anschaut? Ihr seht aus wie klebrige Bonbons.“ Ines fuhr herum.
„Halt die Klappe, Grufti“, fuhr Josy ihren Bruder an und die beiden tauschten einen Blick, bei dem die Funken sprühten. Ines kannte Josys Bruder Leif, obwohl er in die elfte Klasse ging und sie in die zehnte. Er fiel auf durch konsequent schwarze Kleidung und schwarzes – vermutlich gefärbtes – Haar, das ihm bis über die Nase fiel und fast immer die Hälfte seines Gesichts verdeckte. Am Kinn trug er neuerdings ein spärliches Bärtchen. Jetzt strich er sich die Haare aus dem Gesicht und die tief liegenden Augen musterten das Zickenquartett mit grimmigem Blick. Offenbar war es ihm völlig egal, was das Alpha-Team über ihn dachte. Aber klar, als älterer Bruder von Josy konnte er sich natürlich auch so einiges rausnehmen.
Ines, in deren Augen Tränen standen, sah Leif erstaunt an. Es war das erste Mal, dass sich jemand an dieser Schule für sie einsetzte, noch dazu ein älterer Junge. Ein geradezu unheimliches Gefühl.
„Euch Schnepfen geht’s wohl nur gut, wenn ihr andere fertigmachen könnt, was?“
„Was geht dich das an, Ziegenbart?“, knurrte Veronika.
„Ja, übertreib es nicht, du Blindgänger“, sagte Josy mit drohendem Unterton in der Stimme.
Sie und Leif tauschten noch ein paar Nettigkeiten aus, bis Leifs Freund Alexander auftauchte und Leif mit dem üblichen „Ey, Alter, was geht ab?“ seine Pranke auf die Schulter legte. Mit einem letzten abschätzigen Blick ließ Leif die Mädchen stehen. Gleichzeitig schrillte die Schulglocke und ohne Ines noch einmal eines Blicks zu würdigen, stolzierte das Alpha-Team lachend und tuschelnd in Richtung Schulgebäude davon. Ines erwachte aus ihrer Erstarrung. So schnell sie konnte lief sie über den Schulhof, das Kichern der vier Mädchen noch immer in den Ohren. |
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Tod an der Leine
Blausamtig spannt sich der Himmel über die Dächer von Linden. 'Ein Tag zum Heldenzeugen' denkt Fernando Rodriguez und fragt sich, woher er diesen seltsamen Ausdruck hat. Klingt nach seiner Kollegin Oda Kristensen, freilich mit einer üppigen Prise Sarkasmus dabei, oder vielleicht auch nach seinem Vorgesetzten Bodo Völxen, so ein bisschen angestaubt. Egal, irgendetwas liegt in der Luft, etwas Prickelndes, Vielversprechendes.
Er nimmt einen tiefen Atemzug, und wünscht sich für heute eine Tatortbesichtigung im Freien, vielleicht eine Leiche im Wald, damit er diesen strahlenden Spätsommertag nicht zwischen muffigen Papierbergen in der Polizeidirektion verbringen muss. Beschwingt federt er die Straße entlang, grüßt die Entgegenkommenden, es sind jeden Tag dieselben: eine Frau mit einem Kinderwagen, die ein quengelndes größeres Kind hinter sich herzieht, zwei bleiche, rauchende Schüler, eine türkische Frau mit Kopftuch und Einkaufskorb, ein blonder Junge, der ihn frech angrinst und eine Fratze schneidet.
"He, Bulle!"
"Pass bloß auf, du kleiner Pisser!"
"Selber klein!"
Fernando verzieht das Gesicht. Einen ,Pisser' hätte er weggesteckt, aber klein - das schmerzt. "Na warte!" Mit ein paar raschen Schritten hat er den Bengel eingeholt und nimmt ihn in den Schwitzkasten. "Verhafte mich doch, Bulle! Wo haste denn deine Handschellen und die Wumme, häh?" Fernando lässt den Jungen los, nicht ohne ihm vorher noch einen Klaps hinter die Ohren mitzugeben. "Mach, dass du in die Schule kommst!" Der Knirps reckt den Mittelfinger und hüpft schulranzenklappernd davon. Weiter vorne wartet schon sein Kumpel, man begrüßt sich mit high five.
Fernando setzt seinen Weg fort. Rotzfrech, diese Kinder heutzutage, kein Respekt vor niemandem. Er steuert den Kiosk an der Ecke an um seine Straßenbahnlektüre zu kaufen. Durch die Scheibe sieht er Pia, souveräne Herrscherin über ihr Reich des Tabaks, der Süßigkeiten und der Schlagzeilen. Irgendwann wird man solche Läden unter Denkmalschutz stellen müssen, befürchtet Fernando, und registriert nebenbei: Verdammt, ich werde alt, ich denke schon wie ein alter Mann.
Pia redet mit einer Frau, die Fernando nur von hinten sehen kann - schlanker, eleganter Hals, nackenlanges dunkles Haar. " . bestimmst also du, einfach so, ja?", hört Fernando Pia beim Betreten des winzigen Raumes durch das helle Bimmeln der Ladentür hindurch sagen. Pia, das erste Lächeln eines jeden Arbeitsmorgens, dieselbe Pia klingt nun, als könne sie ihre Wut nur mühsam im Zaum halten.
"Morgen, Pia." "Morgen, Fernando." Die Kioskinhaberin versucht ein Lächeln, aber in ihren Augen sitzt noch immer ein Rest von Zorn. In diesem Moment dreht sich die andere Frau um und Fernando streift ein Blitz. Binnen ein, zwei Sekunden läuft ein Film vor ihm ab, der jedoch nicht sein Leben zeigt, sondern die lange Galerie seiner Freundinnen, Affären, Geliebten . alle hübsch anzusehen, manche sogar ziemlich, aber gegen diese Frau sind sie allesamt nur Abziehbilder. Diese hier ist das Original, das absolut unübertreffliche Meisterstück. Hat die Welt je solche Augenbrauen gesehen? Und dieser Blick - klar, sezierend, intensiv - dagegen der Mund - die pure Erotik, die schiere Verheißung, gewürzt mit einer Spur Arroganz.
Fernando spürt das Blut durch seine Adern pulsieren, als sein Blick über die hoch angesetzten Brüste huscht, die sich frech unter dem schwarzen Pullover abzeichnen. Ihre Hüften in der Edeljeans sind schmal, fast
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knabenhaft, und vermutlich könnte er ihre Taille mit beiden Händen umfassen - eine Vorstellung, die ihm den Atem raubt. Wie kommt ein solches Überwesen überhaupt in einen Lindener Zeitungskiosk? An wen erinnert sie ihn nur? Juliette Binoche? Ja, ein bisschen, dieser intellektuelle Touch, aber da ist noch was anderes. Isabelle Adjani! Isabelle Adjani in "Ein mörderischer Sommer". Eine Frau, für die ein Mann sich mit Freuden ruinieren würde, eine Frau .
"Eine Bild, Fernando?" Der Angesprochene schaut Pia an wie ein Schlafwandler, den man gerade vom Dach geholt hat. Was, wie, eine Bild? Um Himmels Willen, nein! "Die Zeit, bitte", ordert Fernando. "Zehn vor acht. Bist ganz schön spät dran heute." Fernando wird rot wie ein Stichling. "Die Zeitung!", zischelt er Pia zu. "Die Zeit'? Die kommt erst morgen, heute ist Mittwoch", klärt die Kioskbesitzerin den Ahnungslosen auf. "Oder willst du die von letzter Woche?" "Nein, die habe ich schon", behauptet Fernando und fügt hinzu, er habe sich im Tag geirrt.
"Das kann schon mal passieren", sagt nun die Fremde. Fernando überläuft es heiß und kalt. Diese Stimme! Dunkel, geheimnisvoll, tragend. "Meine Schwester", erklärt Pia. Wie kann ein solches Zauberwesen Pias Schwester sein? Gut, Pia ist nicht hässlich, hübsche Augen, nette Grübchen, aber sie ist keine Frau, die erotische Phantasien weckt. Fernando überwindet den Impuls, Pias Schwester die Hand zu küssen wie einer Königin. Stattdessen nickt er ihr feierlich zu und sagt: "Fernando Rodriguez."
"Marla Toss." Marla. Wo kommt sie her, was hat sie hier zu suchen? Soll er es wagen, sie danach zu fragen? Oder ihr lieber erst mal ein Kompliment machen? Auf keinen Fall möchte er aufdringlich wirken, oder "schleimig" wie seine Kollegin Jule Wedekin das nennen würde, aber ihm ist klar, dass er schleunigst etwas sagen muss, irgendetwas, das seinen weiteren Aufenthalt hier rechtfertigt. Ein bisschen Smalltalk, Herrgott, Fernando, das ist doch sonst eine deiner leichtesten Übungen! Jeden Morgen unterhält er sich mit Pia über Gott und die Welt, wobei - er muss es leider zugeben - die Bild-Schlagzeile oft das Stichwort liefert. Aber ausgerechnet jetzt fällt ihm ums Verrecken nichts Originelles ein. Dieser Lichtgestalt kann er schließlich nicht mit ,Schönes Wetter heute .' kommen.
"Hab gerade deinen Yannick getroffen", sagt er schließlich zu Pia, obwohl er ihren Sohn fast jeden Morgen trifft. "Süßer Bengel". Er lächelt Pia an und meint die andere. Marla. Sie ist Yannicks Tante, fällt Fernando ein - ein Wort, das nun wirklich überhaupt nicht zu dieser Frau passt. Tanten sehen anders aus.
"Ich muss los. Wir reden ein andermal weiter", sagt die Schöne, und ehe Pia oder Fernando etwas erwidern können, bimmelt die Glocke der Ladentür mit den zahllosen Aufklebern, und schon geht, nein, schreitet die Erscheinung den Bürgersteig entlang in Richtung Limmerstraße.
Wenn Fernando sich beeilt, kann er sie noch einholen, vielleicht haben sie ja denselben Weg? Schon sieht er sich mit diesem Zauberwesen in der Stadtbahn sitzen . "Fernando?" Pias Blick und Tonfall verhindern ein rasches Entwischen. "Was ist?" "Findest du, dass Yannick schlechte Manieren hat?" Fernando schüttelt den Kopf. "Aber nein. Wie kommst du denn darauf?" "Schon gut". Ihr Lächeln hat erneut etwas Verkrampftes, aber Fernando kann sich jetzt nicht darum kümmern, er hat es eilig. Doch als er aus der Tür stürzt, ist Marla spurlos verschwunden. Wenig später fährt ihm auch noch die Bahn vor der Nase weg. |
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Waldesruh
Auf keinen Fall sollte Moritz dabei sein, wenn seine Großmutter im Wald beerdigt wurde. Also konnten sie erst los, nachdem er eingeschlafen war. Vor einer halben Stunde war die Sonne hinter dem flachen Mittelgebirgszug im Westen versunken, der Himmel wurde zusehends blasser, in einer halben Stunde würde es dunkel sein. Aber Moritz, der mit dem untrüglichen Instinkt kleiner Kinder spürte, dass etwas im Gange war, wollte nicht einschlafen. Marie, Janna und sogar Emily hatten ihm nacheinander drei Märchen vorgelesen, aber immer wieder sprang er wie ein Schachtelteufel aus dem Bett, verlangte nach kalten und warmen Getränken, nach seinem Schlafbären, nach seiner Oma. Emily erlebte hautnah, dass kleine Kinder ganz schön nervig und anstrengend sein konnten, und auch Janna und Marie, die das eigentlich gewohnt sein mussten, wurden immer unruhiger und aufgekratzter, was wiederum Moritz zu spüren schien.
"Und was ist, wenn der böse Mann kommt?", quäkte er putzmunter, als sich Marie eben aus dem Zimmer schleichen wollte, im Glauben, er wäre eingeschlafen.
"Das kommt vom vielen Fernsehen", stöhnte Marie entnervt. "Was machen wir bloß mit dem?"
"Drogen", sagte Janna.
"Häh?"
"Wir verpassen ihm ein Schlafmittel."
"Was denn für ein Schlafmittel?"
"Ich schau mal, was sich so findet." Janna machte sich daran, die Hausapotheke zu durchsuchen. Wilhelmine Holtkamp hatte tatsächlich eine Packung Schlafpillen besessen, allerdings war deren Haltbarkeitsdatum ungefähr um die Zeit der Mondlandung herum abgelaufen.
"Meinst du, die wirken noch?", überlegte Janna.
"Ich möchte es nicht ausprobieren", bekannte Marie. "Ich weiß nicht, wie viele Jahre es für Brudermord gibt."
"Für dich gar nichts, du bist dreizehn und noch nicht strafmündig", meinte Janna trocken.
"Dann pass gut auf dich auf", murmelte Marie. Statt einer Antwort warf Janna die Pillen in den Abfalleimer.
Emily kam die Treppe herunter. "Er schläft!", flüsterte sie triumphierend.
"Wie hast du das hingekriegt?", wollte Marie wissen.
"Ich habe ihm laut vorgeführt, wie toll ich Kopfrechnen kann."
"Kannst du das denn?", fragte Janna.
"Nein. Aber er hat's nicht gemerkt."
Dann wurden alle drei mit einem Mal sehr ernst.
"Ich denke, wir sollten dann mal los", sagte Janna. "Oder?"
"Ja, es wird Zeit", antwortete Marie und griff nach ihrer Taschenlampe. Emily bekam eine ausgediente Hose von Janna, damit sie morgen früh zu Hause nicht wegen schmutziger Kleidung in Erklärungsnöte kommen würde. Die Schwestern schlüpften in ihre Gummistiefel, und Emily, die in ihren Chucks gekommen war, bekam die Lederstiefel, die Frau Holtkamp gehört hatten. Sonst hackst du dir noch mit dem Spaten den Zeh ab", sagte Janna. Emily verspürte einen inneren Widerwillen, in die Schuhe einer Toten zu schlüpfen, aber sie protestierte nicht. Niemand sollte sie für zimperlich halten, und schließlich war Frau Holtkamp ja nicht in diesen Schuhen gestorben.
Sie traten vor das Haus, Janna schloss die Tür ab. Nach der Hitze des Tages herrschte nut eine angenehm kühle Luft. Der Himmel war klar und sternenübersät, aber es stand kein Mond über dem kleinen Wald. Donnerstag, dritter Juli, Neumond, das hatte heute früh auf dem Abreißkalender in der Küche gestanden, erinnerte sich Emily. Es würde vollkommen dunkel sein, was ihrem Vorhaben sicher entgegen kam.
Im Holzschuppen fanden sie zwei Spaten, einen mit langem, und einen mit kurzem Stiel. "Die Schaufel müsste auch gehen", meinte Marie und drückte Emily einen Stiel mit einem dreieckigen Schaufelblatt in die Hand. Dann bogen sie um den Schuppen, wo die Schubkarre, in der Frau Holtkamp lag, auf sie wartete. Vergeblich versuchte Emily die Vorstellung zu verdrängen, wie Janna und Marie sie heute Nachmittag da hinein gelegt hatten.
Obwohl die alte Dame nicht sehr groß gewesen war, passte sie dennoch nicht ganz in die Blechwanne der Karre. Ihre Beine ragten steif über den Rand, ebenso der Kopf. |
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Emily grauste bei dem Anblick. "Wieso hängt der Kopf nicht hinten runter?", flüsterte sie Marie zu.
"Leichenstarre", antwortete diese, ebenfalls flüsternd. Sie hatte eine Wolldecke mitgebracht, die sie nun über den Leichnam breitete. Janna nahm die Griffe der Schubkarre und setzte sich langsam in Bewegung.
"Lass sie bloß nicht umkippen", flehte Marie, als Janna mit der Karre über den holprigen Rasen rumpelte.
"Ich tu mein Bestes", ächzte Janna und schob die Karre durch das Gartentor, das Marie ihr aufhielt.
Das erste Stück des Weges konnten sie noch auf dem Feldweg zurücklegen. Marie löste ihre Schwester beim Schieben ab. War die Karre erst einmal ins Rollen gekommen, ging es gar nicht so schwer. Emily ging mit der Taschenlampe vorneweg und räumte große Steine und Äste aus dem Weg.
Um zum Wald zu kommen, mussten sie nach hundert Metern auf einen Trampelpfad abbiegen, der an einem Rapsfeld entlang bis zum Waldrand führte. Nun schob Janna wieder, während Emily und Marie die Seiten der Karre stützten, den diese drohte ständig, umzukippen. Der Pfad war holprig. Eine bleiche Hand schaute unter der Decke hervor, es was, als würde sie fortwährend winken, Emily wagte nicht, den Arm anzufassen und wieder in die Wanne zu legen. Ein süßlicher Geruch stieg ihr in die Nase. "Wie das riecht! Mir wird gleich übel", jammerte sie.
"Hab dich nicht so, das ist doch nur der Raps", sagte Marie. "Pass lieber auf, dass sie nicht rauskippt!" Emily konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe, die Wanne in der Balance zu halten. Nicht auszudenken, sollte ihr die Leiche vor die Füße stürzen, dachte sie und kämpfte gegen einen Anflug von Panik. Die beiden Schwestern schwiegen, nur ab und zu hörte man eine vor Anstrengung keuchen. Was wohl in ihnen vorging, fragte sich Emily. Für Emily war Frau Holtkamp eine Fremde gewesen, und inzwischen eigentlich nur noch eine Leiche, etwas, das ihr Angst machte, Ekelgefühle auslöste, und das es zu beseitigen galt. Aber wie mussten sich Marie und Janna fühlen, jetzt, wo sie ihre Oma, ihren Mutter-Ersatz, ihre Blutsverwandte tot in einer Schubkarre eine Feldweg entlang schoben?
Die Nacht war voller Geräusche. Immer wieder hörte man es im Rapsfeld Rascheln, und plötzlich glitt ein Schatten dicht über ihre Köpfe hinweg. Emily schrie leise auf.
"Das war eine Eule", wisperte Marie. "Deswegen musst du nicht gleich losbrüllen."
"Ich habe nicht gebrüllt", widersprach Emily leise.
"Hört auf zu streiten und helft mir lieber", zischte Janna. Sie waren vom befestigten Pfad abgekommen und das Rad der Schubkarre hatte sich in der Erde festgesetzt. Es ging weder vor noch zurück, so sehr sie auch schoben und zerrten.
"Hilft nichts, wir müssen sie rausheben", sagte Janna nach einigen vergeblichen Versuchen.
"Nein, nicht schon wieder!"
"Es geht nicht anders. Fass an, Marie."
"Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr!", rief Marie, die augenscheinlich gerade die Beherrschung verlor. Janna nahm sie bei den Schultern und schüttelte sie. "Marie! Reiß dich jetzt zusammen! Denk an Moritz! Wir schaffen das. Los, komm!"
Marie nickte, sie hatte sich wieder in der Gewalt. Die Schwestern hoben den steifen, zu einem Komma gekrümmten Leichnam aus der Wanne - ein Anblick, so grotesk und absurd, dass Emily gerade noch einen Aufschrei unterdrücken konnte. Froh, sich anderweitig betätigen zu können, befreite sie die festgefahrene Karre. Die Tote wurde wieder hineingelegt. Langsam und vorsichtig ging es weiter. Emily war froh um jeden Meter.
"Gott sei Dank ist der Boden trocken", flüsterte Janna. "Sonst kämen wir hier nicht vorwärts." Sie ahnte noch nicht, dass sie den trockenen Boden in Kürze verfluchen würde.
"Warum flüstern wir eigentlich", fragte Marie. "Hier ist doch außer uns kein Mensch."
"Hoffentlich", brummte Janna. |
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Der Tote vom Maschsee
Fast jeden Tag geht Heinrich Hofer mit seinem Terrier Nielsson am Ufer des Maschsees spazieren. Der Rundweg um den See beträgt gute sechs Kilometer, aber Hofer geht meist nur am Westufer entlang und kehrt vor dem Strandbad um. Das Westufer folgt dem krummen Lauf der Leine, und entlang des Flusses findet sich eine nahezu unberührte Wildnis, was besonders der Terrier sehr schätzt. Zu Weihnachten hat Hofer sich selbst eine Digitalkamera geschenkt, und nun plant er die Anfertigung eines Fotokalenders. Den wird er sich in diesem Jahr wiederum zu Weihnachten schenken, denn sonst gibt es niemanden zu beschenken, höchstens den Hund.
Auch heute hat er seine Kamera dabei, während er mit Nielsson unter den Bäumen am Wasser entlang geht. Ein paar Segler sind auf dem Wasser, der Wind weht kühl aus Nordost. Bald wird es hier noch voller werden, sowohl auf dem Wasser, als auch drum herum. Zum Glück gibt es auf dem schmalen Landstück zwischen Fluss und Ufer getrennte Wege für Fußgänger und für Radfahrer. Anderenfalls wären Karambolagen mit Radlern und Inlinern unvermeidlich. So gehen einem nur diese Idioten mit ihren klackernden Skistöcken auf den Wecker, aber von denen sind heute erst wenige unterwegs.
Er betritt einen kurzen Holzsteg und prüft die Perspektive. Ja, von hier hat man einen guten Blick über den See, der an dieser Stelle nur zwei-, dreihundert Meter breit ist. Die Südstadt liegt quasi gleich gegenüber, fast zum Greifen nah ist die Plattform des Restaurants Pier 51, auf der ein Kellner gerade die weißen Sonnenschirme aufspannt.
Interessanter ist allerdings der Blick über die nördliche Hälfte des Sees, hinüber zum schlossähnlichen Prachtbau des Neuen Rathauses, das so neu auch wieder nicht ist, und zu den verschachtelten Glaswürfeln der Nord-LB.
Hofer bringt die Kamera in Position und wartet auf ein Segelboot, das den Vordergrund des Bildes zieren soll. Nielsson kläfft. |
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„Sei still, Nielsson. Es geht gleich weiter.“
Aber der kleine weiße Hund gibt keine Ruhe.
Hofer lässt entnervt die Kamera sinken. „Was ist denn?“
Nielsson zieht an der Leine und bellt das Wasser an, das am Ende des Stegs ist höchstens knietief ist. Hofer sieht nach unten und entdeckt eine helle Fläche, etwa eine Handbreit unter der Wasseroberfläche. Er kneift die Augen zusammen und starrt in ein Gesicht. Obwohl er zurückweichen will, muss er, vor Schreck wie gelähmt, doch hinsehen: gelbgrüne Haut, spärliches, dunkles Haar, das wie Seetang auf dem runden Schädel wabert, die Augen des Mannes sind weit offen und wirken gläsern, fast durchsichtig, der Mund ist eine dunkle Höhle. Ein schlammfarbener Mantel schlackert langsam, im Takt der Wellen, um den Leib, die Hände schimmern kalkweiß durch das grünliche Wasser. Unterhalb der Knie ragen die Beine bis unter den Steg, so dass Hofer im nächsten Moment klar wird, dass er sozusagen auf einer Leiche steht.
„Heiliger Strohsack!“ Hastig verlässt Hofer den Steg, den widerstrebenden Nielsson hinter sich her zerrend. Nach wenigen Schritten ist er wieder auf dem sicheren Fußweg und begreift nicht, wie die Welt so normal wirken kann. Vögel zwitschern, Radfahrer flitzen ahnungslos an ihm vorbei. Er schaut sich zögernd um. Das silberne Glitzern der wellenbewegten Wasseroberfläche blendet ihn und verwehrt so den Blick auf die Leiche, die da drüben im Seichten dümpelt, ein paar Meter neben dem belebten Fußweg. Eine geradezu surreale Vorstellung. Hofer atmet schwer, greift sich an die Brust. Jetzt bloß keinen Herzanfall bekommen. Zum ersten Mal bereut er es, sich noch immer kein Mobiltelefon angeschafft zu haben. Aber wen sollte er damit normalerweise auch anrufen? Er wendet sich um. Ein Herr in einem Anzug und einem Trenchcoat, ähnlich dem, den die Leiche da unten trägt, nähert sich. Der hat bestimmt so ein Ding in seiner Aktentasche. |
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Nixenjagd
Die Nacht war sternklar, und der Vollmond versilberte die Blätter der Bäume, zwischen denen sie die Zelte aufgeschlagen hatten. Franziska stocherte mit einem Stock in der Glut des Lagerfeuers. Außer ihr saßen noch ein knappes Dutzend Schüler, die meisten aus ihrem Jahrgang, um das Feuer. Der Rest hatte sich einzeln oder pärchenweise in die Zelte verkrümelt. Etliche Ältere waren vorhin in eine Disko gefahren. Ein Joint machte die Runde. Franziska gab ihn weiter. Es ekelte sie zu sehr vor dem spuckefeuchten Papier.
"Willst 'n Schluck?"
Oliver setzte sich neben sie und reichte ihre eine Flasche. Der Inhalt schmeckte wie Limonade, nur eine Spur Alkohol konnte man wahrnehmen. Franziska leerte die kleine Flasche fast in einem Zug. Ihr gegenüber saß Robert aus der Elften, den Katrin seit kurzem als ihren "Ex" bezeichnete. Er hob feierlich die Hand und verkündete: "Ey, Leute, ich sach euch was: Katrin iss voll die Schlampe." Ein Rülpser bahnte sich seinen Weg, ehe er bekräftigte: "Voll die geile Schlampe, ey."
"Das kannst du laut sagen", piepste Silke und schenkte Robert einen langen Blick aus ihren Kajal umrandeten Augen.
Franziska mochte weder Silke noch Robert sonderlich, aber ausnahmsweise war sie heute Abend ganz deren Meinung. Zum wiederholten Mal wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Sweatshirts über Nase und Augen.
Nicht heulen. Keiner ist es wert, dass man seinetwegen heult. Das sagte sie sich immer wieder, wie ein Mantra. Nein, ich heule nicht. Es ist nur der Rauch, den mir der Wind in die Augen treibt, nur der Rauch ... Sie merkte, wie der Alkohol wirkte. Die Gesichter der anderen zerrannen zu unscharfen Fratzen, und wenn sie die Augen schloss, drehte sich die Welt wie ein Karussell. Es war ihr egal.
Silke zog den Getto-Blaster heran und drückte auf die Wiedergabetaste. Die Red Hot Chilli Peppers schepperten aus dem Gerät. Franziska wischte genervt Olivers Arm von ihrer Schulter. "Lass das!"
Am liebsten wollte sie nach Hause. Aber natürlich ging das jetzt nicht, mitten in der Nacht.
Silke und Robert tranken nun abwechselnd aus einer Flasche mit Wodka und einer mit Bitter Lemon. Das Mischen des Getränks übernahmen sie küssenderweise, es war eine einzige klebrige Schweinerei, unappetitlich, widerlich, fand Franziska. Sie wollte allein sein.
Im Aufstehen wunderte sie sich, wie wackelig ihre Beinen waren. Diese Limonadenzeugs, das sie seit Einbruch der Dämmerung konsumierten, hatte es wirklich in sich. Auch Paul schien zu viel davon erwischt zu haben - hätte er sich sonst schon um zehn Uhr mit den Worten "Ich bin hinüber, ich leg mich ins Zelt", zurückgezogen? Bis dahin hatte er sich nur in sehr freundschaftlich-korrekter Weise mit ihr abgegeben: Er hatte geholfen, die Heringe von Franziskas Zelt im Boden zu verankern, aber das hatte er auch bei anderen getan.
Zusammen mit Katrin und Silke waren Franziska und Paul zum Kiosk gegangen, ein Eis essen. Silke hatte - angeblich der Hitze wegen - ihr T-Shirt nass gemacht, und der ganze Campingplatz konnte sehen, dass sie darunter kein weiteres Textil trug. Katrin war für ihre Verhältnisse züchtig gekleidet, ließ jedoch ihre Zunge auf höchst ordinäre Art um ihr Waffeleis kreisen. Dabei sah sie Paul mit einem lasziven Blick an. Franziska war felsenfest überzeugt, dass Paul niemals auf so ein ordinäres Balzgebaren hereinfallen würde und schämte sich für die beiden.
"Du bist peinlich", sagte sie zu Katrin auf dem Rückweg.
Katrin fixierte sie aus schmalen Augen. "Was juckt dich das? Stehst wohl auf Paul, was? Aber ich sag dir was: Der ist ein paar Nummern zu groß für dich."
Überrascht von der Vehemenz, mit der Katrin auf sie losging, hatte Franziska die Kampfansage zur Kenntnis genommen. Freundinnen - das war von diesem Moment an Vergangenheit.
"Ich geh schlafen", murmelte Franziska nun zu niemand Bestimmtem.
"Ich komm mit", verkündete Oliver grinsend.
"Das wüsste ich aber", sagte Franziska mit Gift in der Stimme.
"Was ist eigentlich mit dem traditionellen Nachtschwimmen?", fragte Silke und wischte sich über ihr Kinn, von dem Wodka rann.
Franziska zuckte nur mit den Schultern. Ihr war es egal, sie wollte nicht schwimmen, sie wollte nur noch ihre Ruhe und schlafen. Sie war mehr als enttäuscht von diesem Wochenende. Im Grunde schien es nur darum zu gehen, wer mit wem schlief, und der Rest übte sich im Koma-Saufen.
Vorsichtig setzte Franziska ihre Schritte um die Zeltschnüre. Um Pauls gelbes Zelt machte sie einen großen Bogen. Hatte Katrin etwa geglaubt, es würde niemand merken, wie sie sich kurz nach Pauls Verschwinden kommentarlos davon schlich und ihm in sein Zelt folgte? Aber vermutlich war ihr das völlig egal.
Franziska ließ ihren Tränen nun freien Lauf. Jetzt sah es ja keiner mehr. Sie holte das Waschzeug aus ihrem Zelt und machte sich auf den Weg zu den Sanitäranlagen. Bis dahin musste sie ein gutes Stück gehen, die Verwaltung des Campingplatzes hatte den alljährlich wiederkehrenden Schülern wohlweislich eine große Wiese im hintersten Teil des Platzes zugewiesen. Franziska fühlte Übelkeit aufsteigen und ging schneller. Durch den Tränenschleier glaubte sie Pauls Schwester Alexandra zu erkennen, die ihr mit einer Sporttasche unter dem Arm entgegen kam. Auch so ein Bruch der Regel, Alexandra ging schließlich erst in die Neunte, was hatte sie hier zu suchen? Franziska gestattete sich ein boshaftes Lächeln bei der Vorstellung, wie sein Schwesterchen womöglich gleich in Pauls Zelt platzen würde. Überraschung, Überraschung ...
Das Mädchen war nun auf ihrer Höhe. Mit gesenktem Kopf, das Gesicht hinter einem strähnigen Haarvorhang verborgen, kam sie den Weg entlang.
"Hallo." Franziska hob die Hand zum Gruß, aber das Mädchen reagierte nicht. Es war auch gar nicht Alexandra, und auch kein Mädchen, es war eine fremde, erwachsene Frau. Gott, bin ich besoffen, registrierte Franziska, hoffentlich schaffe ich es noch bis zu den Klos.
Kurz darauf hing sie über einer der Toiletten und würgte die Drinks und den Kummer der vergangenen Stunden aus sich heraus. Auf dem Rückweg fühlte sie sich schon besser. Sich mal richtig auskotzen ist wie eine Katharsis, dachte sie mit einem Anflug von Selbstironie. |
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Zum Teufel mit Paul! Und mit Katrin sowieso.
Franziska wusste nicht, wie lange sie auf ihrem Schlafsack gelegen hatte - es war zu warm um zugedeckt zu schlafen - als sich draußen Lärm erhob. Autos hielten, Türen schlugen, Bässe wurden abgewürgt, Gelächter. Die Disko-Mannschaft war zurück.
Sie erschrak, als eine Faust gegen ihre Zeltwand donnerte. "Los, Franziska, Nachtschwimmen!", rief Oliver.
Warum eigentlich nicht? Das Leben geht weiter, dachte sie trotzig und schlüpfte in ihren Badeanzug. Eine Gruppe von dreißig oder vierzig Leuten machte sich mit um die Schultern gelegten Handtüchern auf den Weg ans Wasser.
"Pscht, leise", ermahnten sie sich unter viel Gekicher und Gequietsche. Einige der Mädchen hatten auf das Bikinioberteil verzichtet und trugen nur ihre Handtücher um die Schultern. Ob das auch zur Tradition gehörte?
Ihr fielen die Ermahnungen ihrer Eltern ein: ... und geh nicht schwimmen, wenn du was getrunken hast. Am besten wäre es, du würdest keinen Alkohol trinken, aber man weiß ja, wie es auf solchen Festen zugeht ... Und ob die das wussten! Franziska hatte früher gelauscht, wenn Freunde ihrer Eltern zu Besuch waren, und man zu fortgeschrittener Stunde in Erinnerung an sex and drugs an rock'n roll schwelgte.
Ganz vorn sah sie Katrin, sie trug lediglich eine Bikinihose und Flip-Flops und wurde eskortiert von Ute und Ann-Marie. Wo war Paul? Sie sah ihn nicht. Das war ihr ganz recht. Sie wollte weder ihm noch Katrin begegnen und ließ sich ans Ende des Trupps zurückfallen. Oliver stolperte neben ihr her. Immer wieder trat er auf die Bänder seiner Sportschuhe. Sie würde auf ihn aufpassen müssen, damit er im Suff nicht unterging.
Katrin erschauderte kurz, als das Wasser ihren Bauch berührte. Die meisten waren kreischend in den See gerannt. Sie ging zügig, Schritt für Schritt, dann, als ihr das Wasser bis zur Taille reichte, ließ sie sich hinein gleiten. Nach ein paar kräftigen Schwimmzügen war es angenehm, wie das kühle Wasser über ihre warme Haut strich.
"Ich bin zu müde zum Schwimmen", hatte Paul behauptet. Er hatte sie ohnehin ziemlich gleichgültig behandelt. Fast so, als würde er eine lästige, aber unvermeidliche Sache möglichst rasch hinter sich bringen wollen. Dass ein so genannter Liebesakt mit so wenig Intimität verbunden sein konnte, war für die im Grunde romantisch veranlagte Katrin eine neue, ernüchternde Erfahrung. Sie kam sich benutzt vor. Selbst Schuld, gestand sie sich ein. Manchmal verstand sie nicht, was sie dazu trieb, sich den Typen geradezu an den Hals zu werfen. Sie brauchte diese kleinen Siege, sie war süchtig danach und bereit, jedes Opfer zu bringen. Sie war wie eine Jägerin, die sich nach der Anerkennung durch ihre Beute sehnte. Denn Anerkennung bekam sie sonst nirgends.
Katrin schrieb recht ordentlichen Noten, aber das war ihren Eltern eher suspekt. Eine Tochter, deren Intellekt es rechtfertigte, dass sie dreizehn Jahre lang zur Schule ging, und dann womöglich noch studieren wollte, stellte eine enorme Belastung für den Familienhaushalt dar. Die Pankaus hätten es lieber gesehen, wenn ihre Tochter eine Lehre gemacht hätte. Die heiratet ja doch, dachten sie, auch wenn sie es nicht aussprachen und vor anderen so taten, als seien sie stolz auf ihre kluge Tochter.
Katrin war bis zur Pubertät ein ruhiges Kind gewesen, das bemüht war, nicht aufzufallen. Womit auch, sie hatte wenig vorzuweisen. Aber mit dreizehn, vierzehn Jahren gab es auf einmal doch etwas, das sie vielen anderen voraushatte: Sie war hübsch geworden. Plötzlich erfuhr sie Beachtung von Jungs und Männern und weckte bei den Mädchen Bewunderung und Neid. Ihr Aussehen war nun also ihr Kapital, und so wie es Donald Duck bisweilen dazu drängte, in seinem Geldspeicher zu baden, drängte es Katrin, sich ihre Anziehungskraft bestätigen zu lassen.
Paul war eine Eroberung der Extraklasse. Silke war jetzt sicher stinksauer. Bildete sich weiß Gott was ein, weil sie es mal bei Popstars bis in die zweite Runde geschafft hatte. Und dann auch noch Franziska. Sonst nie was von Jungs wissen wollen, den ganzen Tag nur "anspruchsvolle" Bücher lesen - und den dicksten Fisch im Teich angeln wollen. Jeden anderen hätte sie ihrer Freundin gegönnt, wirklich. Aber nicht Paul, sagte sich Katrin, während sie immer weiter auf den dunklen See hinaus schwamm. Sie schwamm gerne. Es war befreiend, dieses fast schwerelose Dahingleiten. Sie erreichte die Boje und hielt sich kurz daran fest. Hier draußen war sie fast allein. Nur rechts von ihr schwamm ein Pärchen, aber die beiden bewegten sich im Bogen von ihr weg. Zur ihrer Linken dümpelte das kleine Ruderboot, das mit einem Seil an der Boje hing. Es war windstill und das Wasser fühlte sich samtweich an. Sie vernahm ein Plätschern hinter sich, und aus dem Augenwinkel war ihr, als würde ein dunkler, unförmiger Schatten auf sie zu gleiten. Aber im nächsten Augenblick war nichts mehr zu sehen. Nur ein paar Wellen schlugen an ihren Hals. Für einen Moment hatte sie gehofft, dass Paul doch noch gekommen war. Wenn es bloß einer dieser angesoffenen Kerle war, der sie erschrecken wollte, dann nur zu! Dem würde sie es schon zeigen. Aber alles blieb ruhig. Sie musste sich getäuscht haben. Sie legte das Kinn auf ihre über der Boje verschränkten Arme und betrachtete das Mondlicht auf dem Wasser. Als würde man in purem Silber baden.
Die Stimmen und das Lachen der anderen schallten über den See: "Pfoten weg!"
"Wer schneller am Floß ist ..."
"He, meine Badehose ..."
"Rico, du Sau!"
"Hier kommt Nessie", hörte sie Roberts heisere Stimme, und gleich darauf ertönte ein hysterisches Kreischen, das in Gekicher überging. Bestimmt Silke. Vorhin, auf dem Weg zum See, hatte Katrin sie gefragt, ob sie auch noch ein paar abgelegte Klamotten von ihr haben wollte, als Zugabe. Silke hatte sie böse nur angefunkelt. Beim Gedanken daran musste Katrin grinsen. Sie ließ die Boje los, streckte ihren Körper und ließ sich in der Toter-Mann-Stellung treiben. Jetzt sah sie nur noch die Sterne und den Mond. Den Schatten, der sich in ihre Richtung bewegte, sah sie nicht. |
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Sau tot
Hermine schläft. Bilder und Düfte eines rosaroten Traums lassen ihre blonden Wimpern flattern. Es ist heiß. Ihr Puls geht flach, der Atem rasselnd. Der Knall durchdringt ihre Ohrmuschel, ein Stromschlag jagt durch ihre Nervenbahnen. Der schwere Leib bäumt sich auf, die Beine treten ins Leere. Sie röchelt, aber die stickige Luft erreicht ihre Lungen nicht, kein Sauerstoff dringt mehr ins Gehirn vor. Der Herzschlag, eben noch ein holpriger Galopp, setzt aus, die wässrigblauen Augen quellen hervor. Dann schwinden ihr die Sinne. Das Rückgrat krümmt sich noch einmal, zuckt in Agonie, bis auch das aufhört. Die Schreie der anderen, ihre Totenklage, hört Hermine nicht mehr.
Der Schuss fällt in der Morgendämmerung. Sofort ist Lina hellwach. Steif aufgerichtet sitzt sie in ihrem Bett, die Decke ans Kinn gezogen. Wieder ein Schuss, dumpf und dröhnend, schweres Geschütz. Ihre Füße gleiten in die Pantoffeln, sie wankt zum Schrank, zerrt das gute Kleid vom Bügel und streift es über das Nachthemd. Die Knöpfe bleiben offen, dafür ist keine Zeit. Das Geld! Mit der ganzen Kraft ihrer Arme stemmt sie die Matratze hoch. Der Umschlag ist weg. Wieder fällt ein Schuss, das Zimmer bebt. Geld hin oder her, jetzt heißt es fliehen, das nackte Leben retten. Aber warum hat man sie eingeschlossen, jetzt, wo der Feind vor dem Dorf steht, nein, schon da ist. Mein Gott, man weiß doch, was diese Bestien Frauen und Kindern antun!
"Heide!" Von Panik erfüllt rüttelt sie an der Türklinke. "Heide, versteck dich im Stall!" Ihre Stimme gellt durch das Zimmer und klingt fremd in den eigenen Ohren. Ein weiterer Schuss lässt Schranktür und Fenster zittern. "Heide, flieh! Nimm die Flinte mit und schieß jeden gottverdammten Russen über den Haufen, jeden, hörst du!" Die knochigen Fäuste hämmern gegen die Tür. "Hier bin ich! Nehmt mich, ihr Bestien. Kommt schon her, ihr feiges Gesindel!"
Ein Schlüssel schabt im Schloss. Sie weicht zurück, sieht sich um. Einen will sie mit ins Grab nehmen, wenigstens einen! Aber es ist nichts zur Hand, kein Schürhaken, kein Stock, keine Pfanne. Nur eine Wasserflasche, aber die ist aus Plastik. Wieder ein Schuss. Die Tür geht auf. Hände greifen nach ihren Schultern und schütteln sie. "Ganz ruhig, es ist nichts passiert." "Heide, du musst dich verstecken, schnell, die Russen ..."
"Tante Lina, ich bin es, die Katharina. Und das sind nicht die Russen. Es sind diese Idioten vom Dorf, die da herumballern. Heute ist Tommsens Hochzeit." Linas Augen werden groß. "Kati ...?" "Geh wieder ins Bett, Tante Lina, es wird gleich aufhören. Ich muss nach den Schweinen sehen. Mein Gott, die armen Viecher ..."
Rapsduft liegt wie eine schwere Decke über dem Dorf. Keine Wolke trübt den blassblauen Himmel. Es ist viel zu heiß für Ende Mai. Die Menschen, die sich unter den Kastanienbäumen versammelt haben, stöhnen. Schminke zerfließt, Schweißperlen sammeln sich auf Glatzen und Oberlippen.
Aus dem Inneren der Kirche dringen gedämpfte Orgelklänge nach draußen. Der Wind frischt auf. Er trägt die Töne über den Rasen bis in die Baumkronen, bläht die Röcke der Blumenmädchen, zerzaust die Frisuren der Damen und kühlt die verschwitzen Nacken der Feuerwehrmänner. So willkommen der Luftzug ist, so führt er doch leider auch eine würzige Brise mit sich.
"Muss die Lenzen ausgerechnet jetzt die Stalllüftung anmachen", schimpft der Ortsbrandmeister. "Warum ist die eigentlich nicht hier?", fragt Thea Sand. "Die muss doch immer aus der Reihe tanzen" bemerkt Annegret Mohr, die hagere Metzgersfrau.
Tanzen. Tanzen ist das Stichwort, das Thea in Unruhe versetzt. Ihre achtköpfige Gymnastikgruppe wird nachher, zwischen Kaffee und Abendessen, auf der Saalbühne des Goldenen Hirschen den Bananentanz vorführen. Hoffentlich, fleht Thea zum Himmel, hoffentlich bleiben die Damen diese Mal lange genug nüchtern. Bei der letzten Aufführung, anlässlich der goldenen Hochzeit des Altbürgermeisters, gab es einen Bänderriss und viel Gelächter. Heute heiratet Holger Tommsen, der Sohn des größten Bauern. Endlich, wie viele hinter vorgehaltener Hand tuscheln.
Es gilt, das frisch getraute Paar zu betrachten und hochleben zu lassen. Und während vor dem Altar Braut und Bräutigam ihre Schwüre leisten, stöhnt man draußen über die Hitze, scharrt ungeduldig mit den Füßen und beneidet die, die im Kühlen sitzen. Nur wenige Dorfbewohner haben hinter den dicken Mauern der kleinen Kirche Platz gefunden. Die Verwandtschaft der beiden Familien hat fast alle Bänke besetzt.
"Meinem Karl verbrennt es garantiert die Platte." Hertha Kotte, die Bäuerin des zweitgrößten Hofes am Ort, fächelt sich mit ihrem Strohhut Luft zu. Der Schweinedunst hat sich verzogen und dem erstickend süßen Duft Platz gemacht, den die Rapsfelder verströmen. Wie hingeworfene Teppiche liegen sie rund und um das Dorf, grellgelbe Vierecke zwischen dem satten Grün des noch jungen Korns. |
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"Die Kati Lenzen denkt doch nicht an andere. Die lebt nur für ihre Schweine", behauptet Rosemarie Lemke, die Frau des Bürgermeisters. "Aber dass sie die verrückte Alte nicht ins Heim gibt muss man ihr hoch anrechnen", findet Hertha. "Hört auf zu gackern, ihr Hühner", tönt die sonore Stimme des Ortsbrandmeisters Karl Kotte aus der Reihe des Feuerwehrspaliers. Stramm stehen sie da, mit roten Köpfen, die Backen rasiert, die Schuhe poliert. "Es geht los."
Das Portal wird aufgestoßen, Menschen quellen ins Freie, Hochrufe werden laut. Die kleinen Mädchen schleudern Reis und Blüten auf das Brautpaar. Holger, stattlich und stolz, grüßt seine Kameraden von der Feuerwehr mit einem saloppen Winken. Die Braut hängt schwer an seinem Arm. Wild läuten die Glocken vom Kirchturm.
"Ach, irgendwie sind doch alle Bräute ganz hübsch", seufzt Rosemarie. "Hübsch muss eine Bäuerin nicht sein. Arbeiten muss sie können", brummt die Metzgersfrau Annegret, die beim Anblick der rosigen Braut unweigerlich daran erinnert wird, dass ihr Ernst heute früh acht Spanferkel küchenfertig an den Goldenen Hirschen geliefert hat. "Er ist ja auch nicht mehr der allerjüngste Bräutigam", stichelt Thea Sand, selbst frisch geschieden. "Mit vierunddreißig ..." "Den alten Tommsens hat doch nie eine gepasst." Bei diesen Worten reibt Hertha Kotte den Daumen gegen die anderen Finger ihrer rechten Hand. Ihre Finger sind rot und dick, der Ehering sitzt tief im Fleisch. Ihr Thomas ist mit dreißig ebenfalls noch ledig. Für Bauernsöhne ist es nicht einfach, eine passende Frau zu finden. So eine dahergelaufene Polin oder Russin kommt ihr jedenfalls nicht auf den Hof. "Das Land, das ist es. Deswegen hat der alte Tommsen der Sache gehörig nachgeholfen, wetten?" Niemand widerspricht Herthas Vermutungen.
Außerdem gehen die Tommsens gerade an ihnen vorbei. Knut Tommsen in feierlichem Schwarz, das Doppelkinn vom Kragen eingeschnürt, Erika großgeblümt und mit zementiertem Dauerwellenhügel. Ihnen folgen die Wernickes - ein grauhaariges, zusammengeschnurrtes Paar, dessen knorzige Mickrigkeit ihre große, stämmige Tochter geradezu elefantös erscheinen lässt.
"Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen", murmelt Annegret. "Ich sag da nur: Fahne drüber und für Deutschland!", dröhnt eine Männerstimme hinter ihnen. "Jan! Reiß dich gefälligst zusammen", zischt Rosemarie Lemke. Jan Lemke trägt ein weißes Kunstblumensträußchen am Revers und grinst. "Bring du erst mal selbst eine an, bevor du solche Reden schwingst", entgegnet Thea und tippt mit ihrem rot lackierten Fingernagel gegen seine Uniformjacke. Sie spannt ein bisschen um die Goldknöpfe herum. "Ich werde nur durch den Tod aus dem Club der Junggesellen ausscheiden!", verkündet Jan. "Jawoll!", tönen seine Freunde Thomas Kotte und Markus Sand im Chor und nicken dazu wie die Wackeldackel. Thea tippt sich nur an die Stirn, sie hat keine Lust, sich jetzt mit ihrem Sohn zu streiten. Markus ist vierundzwanzig, da ist noch Zeit.
Auch Jans Mutter Rosemarie verdreht lediglich die Augen und zupft nervös am gewagten Ausschnitt ihres kleinen Schwarzen. Sie kennt die Einstellung ihres Sohnes zu Frauen - mitnehmen, was geht, aber sich nicht binden. Einzig für Kati Lenzen hätte er wohl eine Ausnahme gemacht. Aber die hat ihren Jan nur wie ein Spielzeug benutzt, Schlampe die. Die Abfuhr hat ihn seinerzeit schwer getroffen, auch wenn er sich nichts hat anmerken lassen. Aber eine Mutter spürt so etwas.
"Komm Jan, die sägen, das sehen wir uns an." Thomas und Markus ziehen ihren Anführer am Arm davon. Dem Brauch gehorchend muss das frisch vermählte Paar nun einen Baumstamm durchsägen. Die Anstrengung lässt das Gesicht der Braut fleckigrot anlaufen, aber darauf achteten die wenigsten, denn ihre drallen Brüste drohen jeden Augenblick aus dem Kleid zu springen, worauf besonders die Abordnung der Landjugend spekuliert, die wie eine Schar Krähen auf der Kirchenmauer hockt. Holger, ebenfalls schwitzend, bellt Kommandos, die Menge brüllt Anfeuerungsrufe, die Braut sägt, dass ihr der Schweiß nur so hinunterläuft. Dann, endlich, ist der Stamm durch.
In den aufbrausenden Jubel mischen sich schrille Töne. Die Jägerschaft hat sich zusammengerottet und bringt dem Brautpaar ein Ständchen. Schon heute früh um sechs haben sie die Gemeinde aus dem Schlaf gerissen mit zwölf Salutschüssen und dem anschließenden Hohen Wecken. Jetzt schmettern die Jagdhörner die St. Hubertus Fanfare, den Jägermarsch, die Signale Hirsch tot, Sau tot und - es wird auch langsam Zeit - zum Essen.
Die Feuerwehr tritt in Aktion und riegelt die Dorfstraße ab. Über dem Asphalt flirrt die Luft. Holger schiebt seine Braut auf die wartende Kutsche. Das Blumenbukett liegt auf dem Kutschbock wie welker Salat. Der Kutscher schnalzt mit der Zunge, die Pferde setzen sich in Bewegung. Wie eine träge Raupe schiebt sich der Tross die Dorfstraße hinunter. |
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Oh, Christmas Tree
Übersetzt von Mary Tannert
When Luise put down the ax, there was nothing left but the bloody stump.
She wiped the sweat from her forehead, went into the kitchen, and fortified herself with a swallow of Malteser schnapps. Then she picked up the phone.
“This is Mrs. Knochenhauer. You can pick it up now. Yes, right away. The address is Bachstelzenweg 12.” She put the phone down without saying goodbye.
Standing at the kitchen window, Luise grimly contemplated the scattered limbs of the slain enemy as they stretched up into the winter sky. Twenty-five feet of richly green, unsuspecting fir tree sprawled in pieces across the driveway, blocking the entrance to the garage.
“How lovely are thy branches....” ran through her mind. But not for long! Perhaps the grim reaper was sucking the last breath from those plump green needles at this very moment? Luise Knochenhauer decided not to brood any longer. Instead, she poured herself another fortifying dose of the Malteser.
It’s difficult to say how and when the tragedy began. The grip of disaster may even stretch back as far as two years ago, when Aldi had a sale on strings of Christmas lights and the Knochenhauers bought one of them and wound it around the stunted pine tree in their little front yard.
That didn’t bother me very much back then. Sometimes, when I came home late, I even found the light cheery and homey. And I let myself be talked into buying one of those wooden Christmas pyramids with electric candles and setting it up at the window in the front hall. I got it at the Christmas market – a horrible place, but Steve had talked me into going down there with him. The pyramid’s yellowish glow was controlled by a timer, so that it turned itself on at twilight and off late in the morning, by which time it was light enough that the moment when the bulbs winked out went almost unnoticed. That’s the way the Knochenhauers set up the lights on their pine tree too, and, a little later, the rope lights that they used to outline their front door. I joked that they were afraid that Santa Claus wouldn’t be able to find the entrance to their home, but Helmut Knochenhauer replied pedantically that in the usual run of things Santa Claus came down the chimney, which I certainly ought to know since my husband was American. (The Knochenhauers know that Steve and I aren’t married, but they stubbornly refuse to acknowledge the fact.)
I found the rope lights obscene. Steve said nothing, but a day later he bought two strings of Aldi lights himself. In the absence of any conifers in our front yard (unfortunately, all the potted Christmas trees we’d ever bought had died), he draped them around the spikes of the antique wrought iron fence. I didn’t much care for this assault on the admittedly severe dignity of my lovely old fence, but I kept my mouth shut. Christmas would be over at some point. Even so, it seemed to me he could at least have asked me whether I minded.
For my taste, we now had plenty of electrically-powered Advent cheer on all sides, particularly since at the Knochenhauers, more Christmas spirit had broken out in the form of rope lights in every window, shaped to form holiday motifs – a star, an angel, a Christmas tree or a Santa Claus. I shuddered in horror every time I looked out the side window. And yet that was just the beginning.
The following year, Steve and I spent the first week in December visiting his sister, who lived in an upscale Texas neighborhood. Every time anyone came or went by the front door, a plastic snowman the size of a Masai warrior brandished his plastic broom and bawled “Merry Christmas!” I won’t describe the inside of the house except to say that the traumatic effects lasted for a long time.
After a long, hard week abroad, the taxi wound through the dark one-way streets of our neighborhood while I anticipated the comforts of home... But the Knochenhauers had adopted Carpe diem as this year’s decorating philosophy. Last year’s lights had been wound around their chimney. And clearly Christmas lights had been on sale again at Aldi, because they adorned every cypress and every bare-limbed shrub in the Knochenhauers’ front yard. If it went on like this, I prophesied, they would soon be festooning the molehills in the lawn. Their front door was framed with sequentially-blinking lights in four different colors – an effect that at first reminded me of the light therapy effects in the sauna of the local day spa, but on second thought had the cheap look of the basement entrance to the village discotheque. The taxi driver couldn’t stop grinning. I was deeply ashamed of my neighborhood.
Steve spent the following afternoon outside, stringing lights on the fence just like last year. I loved the simple little tract house that my parents had built. I’d bought the wrought-iron fence from a dealer whose rather dubious sources I was careful not to inquire about, and had it installed in place of the hunter’s fence of my youth. Roses were supposed to wind around its iron spikes, not Christmas lights from Aldi. Why had I ever allowed this mischief the previous year?
After dinner, Steve sat for a few hours in front of the computer and then went to bed, while I forced myself to stay awake until just after midnight in spite of my jet lag. Then I pulled on a hooded parka, stuck a flashlight and the rose shears in my pocket, and snuck out into the damp, cold December night. It could have been lovely: a sickle moon shone above the rooftops and the big dipper twinkled elegantly, but it was all utterly pointless against the competition from the light show next door. I took a deep breath of suburban air and got to work. No, not work – I was undertaking an act of self-defense!
Quietly I crept over to the Knochenhauers’ front yard. Gently I pulled the plug out of the outdoor socket, cut through the cable a few inches from the plug, chewed a little on the plastic coating of both cut ends, stuck the plug back into the socket, and left the cable lying on the ground. The effect was wonderful, the way you feel when a persistent headache finally lifts. A blanket of peaceful darkness settled over the door, the chimney, and the garden. Only the stars, angels, Christmas trees and Santa Clauses went on lighting up the windows: they were connected to the power supply inside the house.
Soon the first packages arrived. The Knochenhauers had been kind enough to take delivery of them for us, and when Luise and her husband brought them over – their size and weight necessitated a strong pair of arms – they complained about the marten who’d chewed through the power cords of their Christmas lighting more than once over the past few days.
“Well, it’ll be a little relief for your electric bill,” I comforted my helpful neighbors. “He did quite a bit of damage over here, too.” And that was true: for two days now, our fence had been just a fence.
“Tonight Helmut’s going to lie in wait with his gun,” |
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whispered Luise Knochenhauer, and then clapped one hand guiltily over her mouth as Helmut surreptitiously elbowed her.
“It’s my father’s old shotgun. You can keep an old gun like that without a license,” Helmut said, his bald head gleaming with rectitude and his fat chest thrust forward in righteousness over his short little legs. Luise nodded eagerly and her permed curls shook in affirmation. Their eyes were aglow with the fever of the hunt.
“Weidmannsheil!” I wished Helmut Knochenhauer in the traditional German hunter’s greeting, and wrestled the packages into the house. There were two of them, a small one and a big heavy one, both addressed to Steve.
“E-bay“, said Steve by way of explanation, and carried his treasures into the basement. That very evening, I got to see the dancing Christmas tree, which treated me to a tinny rendition of Jingle Bells as it waved its plastic arms like a Balinese temple dancer. I asked Steve to move it into his workroom immediately. My tone of voice may have been just a little harsh. Steve called me narrow-minded and intolerant and suspected me of having cut the cable of “his” Christmas lights.
“Which are hanging on my fence,” I made sure to note.
And as far as that goes, he said, I was treating him like a tenant with whom I was merely coincidentally having a relationship.
We fought about all kinds of things, the frozen pizza burned in the oven, and we went to bed angry and fell asleep back to back.
While our neighbor held a lonely vigil at his kitchen window, I tried to find my way through the maze of stalls at the Christmas market, past the trails of steam and smoke left by mulled wine and sausage stands, doing my best to escape from a giant green plastic octopus croaking Jingle Bells. I asked a Santa Claus for help, but he turned out to be Steve in disguise, who used the opportunity to put a bag over my head and call the octopus on his mobile phone. Then there was a loud bang. I sat upright in bed, tangled in the sheets. It was ten minutes after two a.m., and Helmut Knochenhauer had clearly bagged his prey. The next day, Luise shed tears of regret, sent Helmut to the optician to get his eyes examined, and made him get rid of the shotgun. This relieved me greatly, but they still got the cold shoulder from the rest of the neighborhood for quite some time; the gray tomcat from Number 8 had been very popular with everyone.
When I got home late that evening, a red sphere of light the size of a golf ball gleamed in the dark next to our front door. Had the hunt for the marten been upgraded to infrared weapons? A few more steps, and what to my wondering eyes should appear – in the truest sense of the word – but a life-sized reindeer (at least, that’s what I’m assuming). Behind it, perched on the obligatory sleigh, was a fat, white-bearded Santa in a red coat. I approached this ensemble with the caution necessary when closing in on a wounded boar. My experiences in Texas had taught me to be prepared for anything. Right on cue, the reindeer’s ears begin to waggle and Santa let out a throaty “Ho, ho, ho,” before the whole thing fell dark and silent. Then Rudolph’s nose lit up again...
I stood frozen for several minutes, unable to move. The reindeer had sweet little ears and a gentle look. Santa Claus looked like God in a grandfatherly moment. There was something moving about them both. I jumped when the front door opened and Steve looked out, a guilty expression on his face like a basset hound caught stealing the Sunday roast.
“Can you set it so that Rudolph’s nose always glows?“ I asked.
Soon people began to make pilgrimages to our street. The reindeer was the biggest hit since sliced bread. Luise and Helmut were greeting us somewhat curtly by then. The Saturday before the fourth Sunday of Advent, they could be seen in their front yard maneuvering a very long ladder. It had surprised me the entire time that the mighty fir tree, which had stood next to our fence alongside Knochenhauers’ driveway for as long as I could remember, had been spared the brunt of the Christmas decoration orgy. Maybe that was because it had long been much taller than their house and therefore difficult and surely expensive to illuminate. Just wrapping a couple of strings of lights around the bottom third would have looked amateurish, and Helmut Knochenhauer was a perfectionist. All day he could be seen up on the ladder with strings of lights dangling from his shoulders, balancing in dangerous gymnastic-looking poses between the tree and the rungs of the ladder. By evening, the entire tree gleamed triumphantly with hundreds, even thousands of tiny lights. At the very top, blinking on and off, was a large silver star with a tail.
The reindeer continued to be a favorite with small children, but when I stood surreptitiously at our bedroom window in the dark listening to the commentary, I could tell that the grownups preferred Helmut’s tree.
Two days before Christmas Eve, I caught Steve at dawn red-handed, standing at the open window of our bathroom in his red Santa Claus bathrobe and shooting gravel with a slingshot at the silver Star of Bethlehem on the Knochenhauers’ tree. I turned away wordlessly. Neither of us mentioned the event again.
When I looked out the window on the morning of Christmas Eve, I saw a snowy landscape like something out of a picture book. And our neighbors had put up yet another decoration to admire. They had acquired one of those Santa Claus figures, popular in recent years, which dangles from the side of the building like the victim of a lynching. Except that the Knochenhauers had hung it in the big fir tree. And upon closer examination, it wasn’t a Santa Claus. As I stood staring, trying to make sense of the sight, my Texan, his Santa Claus bathrobe flapping behind him, lurched past me out of the house and began to climb the icy, snow-covered fir tree in his bare feet. The gesture was noble but pointless. There was nothing left for the fire department to do but free Helmut Knochenhauer from the tangle of lights that had caught and strangled him as he was trying to replace a couple of burned-out bulbs.
At least, that’s what Luise Knochenhauer said. She’d been standing in line at the butcher’s to buy the Christmas goose when it happened. Lucky for her.
I, on the other hand, had seen Steve fall from the tree.
I watched as the workmen sawed up and carted away the remnants of the fir tree. Dusk fell, and I opened a bottle of Bordeaux. Our yard and the Knochenhauers’ were both quiet and dark. The reindeer had found a new home with the family at Number 8. Steve was presumably somewhere over the Atlantic in the cargo hold of a Boeing 747. The spikes of the wrought iron fence glowed dimly in the last light of the day. The fire department had had to saw off a couple of them, the ones that Steve had impaled himself on when he fell, but after the holidays I would make sure the fence was expertly repaired, and then everything would be as it had been. Still, I’d miss the big tree. |
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Liebeslänglich
Mathilde trank ihren Kaffee aus und winkte der Bedienung.
"Ich muß jetzt
gehen. Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen. Sie kennen
vielleicht Lukas Feller. Aber Sie kennen nicht mich. Ich bin weder naiv noch
zerbrechlich."
Ihr Gegenüber nickte.
"Ich weiß. Sie fühlen sich stark und selbstbewußt.
Es reizt Sie, es mit einem Mann aufzunehmen, der anders ist als die anderen.
Im Grunde Ihres Herzens ahnen Sie, daß er böse ist. Aber gleichzeitig
verspüren Sie diese unwiderstehliche Gewißheit, daß sich ein dunkler Teil
Ihres Wesens in seinem spiegelt. Und Sie lassen sich darauf ein, obwohl Sie
wissen, daß er Ihnen schaden wird."
|
 |
Mathilde hatte den Blick in ihre leere Tasse gesenkt. Es war, als würde
die fremde Frau ihre eigenen Empfindungen aussprechen. Sie wünschte, sie
würde schweigen und gehen, aber sie redete weiter:
"Er wird Sie belügen,
betrügen und demütigen, er wird Ihnen das nehmen, was Ihnen wichtig ist.
Doch das ist nicht das Schlimmste, das tun andere auch. Er wird Sie
verändern. Lukas Feller ist nicht nur der schlechteste Mensch, den ich
kenne, er holt auch aus seinen Mitmenschen das Schlechteste heraus."
Die
Frau stand auf und legte ein paar Münzen für den Kaffee auf den Tisch.
"Es
ist eine alte Weisheit, daß, wer sich mit dem Teufel einläßt, nicht den
Teufel verändert, sondern sich selbst", sagte sie und ging hinaus. Ihr
langer, schwarzer Mantel schlackerte um ihre dünne Gestalt.
|
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| Wölfe
und Lämmer
Sie stiegen in den Keller. Klara ging voran.
"Wir tragen ihn hinten raus. Da komme ich mit dem Wagen
gut ran, und wir müssen ihn nicht durch den ganzen Flur
schleifen"
Der Kellerausgang führte durch die ehemalige Waschküche,
in der jetzt die Waschmaschine und der Trockner standen. Es
war eine dicke Eichenholztüre am Fuß einer gemauerten
Außentreppe. Der Schlüssel hing an der Wand neben
der Tür, wo ihn Klara nun wegnahm und ins Schloß
steckte.
"Komisch", murmelte sie. "Warst du hier unten?"
"Bestimmt nicht."
"Es war nicht abgeschlossen, verdammt." Klara zog
die Stirn in Falten.
"Was ist daran so schlimm?"
"Schlimm ist, daß jeder hier ein und aus gehen
konnte, wenn wir nicht da waren. Womöglich bis in unsere
Wohnungen, oder schließt du deine immer ab?"
"Nein, eher selten. Ich habe nichts zu verbergen." |
 |
"Schön für dich", meinte Klara. Der Gedanke,
daß dieses Mädchen womöglich in ihrer Wohnung
geschnüffelt hatte, verursachte ihr mindestens so viel
Unbehagen wie die nun anstehende Aufgabe. Klara öffnete
die Tür zur Wildkammer.Der Tote war in Frühbeetfolie
eingeschlagen, das selbe stabile Plastikzeug, mit dem Klara
im Winter das Kräuterbeet vor Nachtfrösten schützte.
An beiden Enden war die Plane zugeschnürt und stand über,
so daß es aussah, als läge auf dem Boden des Kellers
ein überdimensionales Bonbon. Durch die grünlichen
Plastikschichten schimmerte es hautfarben.
"Er ist nackt", stellte Robin fassungslos fest.
"Natürlich. Ißt du die Schokolade etwa mit
der Verpackung?"
"Klara, bitte, mir ist nicht nach solchen Scherzen."
"Das war keiner."
"Wo sind seine Klamotten?" wollte Robin wissen.
"Verbrannt. Sonst noch Fragen?"
"Ich wüßte zu gern, wer der Kerl war."
"Komm, faß mit an", drängte Klara ungeduldig.
|
|
| Das
dunkle Haus am Meer
Drei Vorhaben waren es, die den Richter an diesen entlegenen
Ort geführt hatten. Zum einen hatte er beschlossen, seine
Memoiren zu schreiben. Das war bereits geschehen, gestern
nachmittag. Schroffe Lettern in königsblauer Tinte auf
Büttenpapier mit Wasserzeichen. Die vier DIN A4-Seiten
lagen nun in einer Klarsichthülle in der Schublade des
großen Küchentischs, neben den Spielkarten, diversen
Reiseführern und Vogelbestimmungsbüchern. Es war
ein gutes Gefühl, ähnlich dem, das er empfunden
hatte, wenn ein langwieriger Prozeß endlich beendet
war und die Akten archiviert werden konnten. Vielleicht könnte
er später - vorausgesetzt, ihm blieb noch etwas Zeit
— die eine oder andere Sache vertiefen, aber die Grundaussagen
waren gemacht worden. Das zweite Vorhaben war endgültiger
Natur. Der Richter hatte beschlossen, sich umzubringen. Jetzt,
wo er seine Memoiren geschrieben hatte, stand der Durchführung
dieses Planes eigentlich nichts mehr im Weg, außer seinem
letzten Vorhaben, vorher noch einmal mit Paul Tauber zu sprechen.
Er könnte natürlich auch hierbleiben und auf den
Tod warten, wie es andere Menschen auch taten, wie es im Grunde
alle Menschen zeit ihres Lebens taten, aber er |
|
hatte die Dinge immer gerne selber
in die Hand genommen. Überraschungen liebte er nicht. Ein
plötzlicher Tod, womöglich auf der Straße, beim
Einkaufen, oder gar in einem Restaurant, wo der Anblick seiner
Leiche den anderen Gästen den Appetit verderben würde,
nein, einer solchen Peinlichkeit wollte er weder sich noch andere
aussetzen. Denn es konnte ihn jede Minute treffen. Heute, morgen,
in einem Jahr, in fünf Jahren. Schnell würde es gehen,
wie das Platzen einer Seifenblase. So ähnlich stellte er
sich dieses Ding auch vor, das der Tomograph in seinem Gehirn
gefunden hatte. Aneurysma lautete der medizinische Ausdruck.
Inoperabel jedenfalls.
Die Absicht des Richters, von eigener Hand zu sterben, war keineswegs
die Entscheidung eines verbitterten Menschen, sie entsprang
vielmehr seinem Forscherdrang. Er wollte diese letzte und wichtige
Erfahrung bewußt und wohlvorbereitet machen, weshalb es
ihm notwendig erschien, den Zeitpunkt selbst zu bestimmen.
Und endlich würde es Antworten geben, so hoffte er wenigstens.
Ob es Gott gab, den Teufel - wenn ja, die Hölle war ihm
sicher - ob es danach noch irgendwas gab. Wie das mit der Unendlichkeit
zu verstehen war. Solche Dinge eben. |
|
| Die
Mörder, die ich rief
Zugegeben, das mit dem elitären Grün
ist längst nicht mehr das, was es zu Zilkes Glanzzeiten
einmal war. Längst sind die Barrieren der Distinktion
gefallen. Inzwischen muß man auf dem Platz Menschen
mit umgedrehten Baseball-Mützen ertragen, die einem den
Anblick ihrer Waden und Oberschenkel zumuten, und es ist womöglich
nur eine Frage der Zeit, wann gewisse Damen, bei Temperaturen
wie heute, im Tanga chippen und putten. Aber was dieser Dr.
Faber daßunten aufführt, ist mit den Anstandsregeln,
die bis jetzt glücklicherweise noch auf Golfplätzen
gelten, unmöglich zu vereinbaren. |
|
Faber torkelt wie ein Betrunkener
über den Fairway, wobei er Schreie und - man kann es beim
besten Willen nicht anders nennen - Rülpslaute ausstößt.
Immer wieder duckt er sich und fuchtelt mit dem Schläger,
als gelte es, einen Angriff aus der Luft abzuwehren, ehe er
das Eisen in hohem Bogen wegwirft und sich sein Hemd vom Leib
reißt. Sein nackter Oberkörper wird sichtbar, Zilke
hebt die Augenbrauen. Der Mann geht in die Knie und wirft sich
wie ein Welpe auf dem Rasen herum. Als er genug davon hat, rappelt
er sich wieder hoch, hält mit gesenktem Kopf auf das Wasserhindernis
zu und stürzt sich mit einer solchen Hast hinein, als trüge
er brennende Kleider am Leib. Gurgelnd verschluckt ihn der Schilfgürtel. |
|
| Schwarz
ist die Nacht
Zuerst weiß sie nicht, wo sie ist. Die Schatten an
den Wänden kommen ihr fremd vor, aber allmählich
lichten sich die Nebel, jetzt erkennt sie das runde Gebilde
aus Glas an der Decke, es ist ihre Lampe. Sie spuckt Farben.
Ja, und das ist ihr Bett, auf dem sie liegt, sie sieht die
weißen Stäbe, die ein Gittermuster an die Wand
werfen. Das Bett schwankt wie ein Flugzeug bei Turbulenzen.
Warum ist sie nicht zugedeckt? Sie friert ein wenig. Warum
liegt sie daß, nackt und ohne Decke? Überall ist
Licht. Es kommt von Kerzen, sie kann sie nicht sehen, aber
sie flackern und zaubern Schattengebilde an die Wände.
Ein Tier. Eine Welle. Einen Mann. Sie spürt einen Luftzug,
als die Tür aufgeht. Sie kann ihre Hände nicht bewegen.
Die Beine auch nicht, oder nur ganz schwer. Es strengt an,
die Augen offen zu halten. Sie schließt sie, wird umfangen
von einem wattigen Gefühl, sie sieht Farben tanzen, hört
Töne, die sie nie gehört hat. Etwas berührt
ihr Bein, ein Zucken, sie reißt die Augen auf. Ein Schatten
ist über ihr. Der Mann. Sein Gesicht ist im Dunkeln,
aber daßist sein Geruch. Sie kennt seinen Geruch inzwischen,
erdig, ein wenig scharf. Der Schatten. Der Mann. Sie hat ihn
mit nach Hause genommen, es schien das Selbstverständlichste
der Welt. Der Kuß, das Bad, oh ja, langsam erinnert
sie sich. Er hat sie nicht angerührt, gab nur ab und
zu leise Kommandos, aber das Wissen um seine Blicke machte
alles ganz anders, viel erregender, als wenn sie allein gewesen
wäre. Als das Wasser kühler wurde, hüllte er
sie in ein großes, warmes Badetuch und fönte ihr
Haar. daßwar dieses Öl, das nach Rosen duftet,
sogar jetzt kann sie es noch riechen, auf ihrer Haut. |
|
Damit rieb er
sie ein, sanft und mit Händen, die genau wußten,
was zu tun war. Er trug sie ins Schlafzimmer, scheinbar ohne
Mühe hob er sie hoch und legte sie ins Bett, fürsorglich,
wie man ein frisch gebadetes Kind zu Bett bringt. Er reichte
ihr etwas zu trinken, es schmeckte süß und bitter
zugleich.
Jetzt ist er ganz nah bei ihr, sein Atem tastet über
ihre Haut. Er flüstert etwas, aber sie kann ihn nicht
verstehen. Er macht etwas mit ihrem Haar. Sie will sich bewegen,
ihre Muskeln gehorchen ihr nicht. Seine Stimme. Was sagt er?
Etwas von Engeln. "Mein schöner Engel", sagt
er, "mein wunderschöner Engel.
Sie versucht zu sprechen, aber ihr Hals ist trocken. Ein
kurzer Anflug von Panik, aber seine Stimme fängt sie
auf. "Keine Angst", sagt er, und: "ganz ruhig,
sei ganz ruhig, es wird alles gut. Der Tod wird verschlungen
werden vom Sieg." Die Zimmerdecke kippt nach hinten weg,
sie schließt die Augen, überläßt sich
den explodierenden Sternen hinter ihren Lidern, überläßt
sich seiner Stimme, die sie auffängt. Seine Hand streicht
warm über ihren Bauch, ein bunter Feuerregen auf der
Haut, sie streckt sich der Berührung entgegen. daßist
Musik. Sie kommt ihr bekannt vor, irgendwo schon mal gehört.
Schöne Musik, Musik, die einen davonträgt. Sie spürt
die Klänge tief in ihrem Körper, sie bündelt
sie, läßt sie schweben, fühlt sich leicht,
schwerelos. Ein Mann mit einer wunderbaren Stimme singt, dann
mehrere Stimmen. Sie seufzt und fließt ihm in einer
blauen Welle entgegen, sie fühlt etwas Kühles auf
ihren trockenen Lippen, dann etwas Flüssiges, sie saugt
es gierig auf, es tut gut - im ersten Moment. |
|
Wer
nicht hören will, muss fühlen
"Die sind von einem Schwein", sagt Frau Pauly.
"Einem Schwein?" fragt Rosa.
"Ja, einem Schwein."
"Das sind keine Schweineknochen."
"Ein Hund wird sie verbuddelt haben."
Beide senken den Blick in das Erdloch.
"So tief gräbt kein Hund."
Frau Paulys schmächtiger Brustkorb hebt sich, als sie
verärgert schnauft.
"Nun gut. Wir haben sie vergraben. Damals, nach dem Krieg.
Hier wurde ab und zu schwarz geschlachtet, unten, in der Waschküche."
"Das sind keine Schweineknochen", wiederholt Rosa.
"Hunde hatten wir auch. Zwei Riesenschnauzer, Terry und
Harry und davor mal einen Spitz. Das war ein ganz scharfer.
War auch gut so, sonst hätten die uns alles geklaut."
Ihr Arm beschreibt einen Bogen von der gestutzten Thujenhecke
im Norden über die noch kahlen Rosen hinweg bis zu den
baumhohen Hibiskussträuchern an der südlichen Grundstücksgrenze.
"Das war mal ein Acker. Kartoffeln, Rüben, Kohl.
Können Sie sich das vorstellen?"
"Nein."
"Wir waren darauf angewiesen, zum Überleben. Und
zum Tauschen. Wie hieß er nur? Fällt mir schon
noch ein. Spitze sieht man jetzt kaum noch. Sind nicht mehr
in Mode, was?"
Rosa deutet auf die erdverschmierten Knochen, die auf dem
Aushub neben der Grube liegen.
"Das hier war jedenfalls ein Mensch."
Frau Pauly läßt den Blick schweifen, als betrachte
sie zum ersten Mal die Rhododendren, den Kirschbaum und die
Kletterrosen, die sich verspielt am Pavillon hochranken. Es
ist eine frühblühende Sorte, cremefarben.
"Der Pavillon müßte mal wieder gestrichen
werden."
"Hier ist ein Stück vom Becken. Das da sind Rippen.
Und das ist ein Wirbel ..." Rosa tippt jedes angesprochene
Teil mit der Schaufel des Spatens an. Dann bückt sie
sich und streckt Frau Pauly etwas Langes, Schmutziges hin.
"Der Oberschenkel. Die halten sich immer am besten."
"So. Tun sie das."
"Ja." Rosa neigt den Kopf und schaut ihrem Gegenüber
in die Augen. Sie mochten einmal braun gewesen sein, vielleicht
auch grün, nun ist die Farbe verwässert.
"Frau Pauly, der Bursche da ..."
"Wieso Bursche?" fährt Frau Pauly dazwischen.
Rosa hebt ihr rechtes Knie und hält den Knochen neben
ihren Schenkel. "Viel länger wie meiner ..."
"Als meiner."
"Wie?"
"Nicht wie. Als. Es heißt: länger als meiner.
Sie haben doch Abitur!"
"Mit Ach und Krach. Dann ist er eben länger als
meiner. Und das ohne Kniegelenk. Das muß ein Mann gewesen
sein. Ein größerer, für damalige Verhältnisse.
So, wie der beeinander ist, liegt er bestimmt schon dreißig,
vierzig Jahre da drin."
Sie ist sich mit der Datierung der Gebeine längst nicht
so sicher, wie sie vorgibt. Ihre einzige Erfahrung mit einem
Fund dieser Art liegt fünfundzwanzig Jahre zurück,
und sie erinnert sich nicht gerne daran. |
|
"Mein Mann war groß",
bemerkt Frau Pauly. "Aber der liegt nicht hier im
Garten. Er ist auf dem Waldfriedhof. Er war immer für Ordnung."
"Und wer ist dann der da? Ein lästiger Liebhaber?"
"Jackie!" "War er ein Ami?" "Ein
Ami?" wiederholt Frau Pauly begriffstutzig. "Also
Jackie", hält Rosa fest. "Und wie noch?"
"Nur Jackie. Seit wann haben Hunde Nachnamen?"
"Wieso Hunde?" "Ich habe Ihnen doch eben
von unserem Spitz erzählt. Sie sind heute ein wenig zerstreut,
liebe Rosa. Man könnte meinen, Sie haben Alzheimer!"
Frau Pauly strafft die Schultern und reckt ihr schroffes Kinn.
"Und überhaupt: Wie kommen Sie dazu, riesige Löcher
in meinen Rasen zu buddeln?" Sie deutet auf die Grube und
hebt streng die Augenbrauen, die nur noch in Form zweier zittriger
Linien aus braunem Kajal existieren. "Ich bin die Gärtnerin",
versetzt Rosa. "Schon vergessen?" "Werden
Sie nicht süffisant." "Tut mir leid."
Das ist aufrichtig gemeint. Sie hat Respekt vor dieser Frau,
einer Dame zweifellos, auch wenn sie etwas bizarr aussieht:
stets trägt sie taubengrauen Lidschatten und einen Lippenstift,
den Rosa für Frau Paulys Alter zu grell findet. Das nußbraun
gefärbte Haar trägt sie offen, es ist über schulterlang
und an den Spitzen fedrig dünn. Ein wie mit einem Säbel
abgeschnittener Pony verdeckt bis zur Hälfte die hohe Stirn
mit den tiefen Furchen. "Ich bin noch nicht so vertrottelt,
wie es einige Leute gerne hätten." Frau Pauly verschränkt
trotzig die Arme, wobei ihre Hände in den Ärmeln einer
eierlikörgelben Kaschmirjacke verschwinden. Der Farbton
harmoniert mit dem Schottenkaro ihres wollenen Faltenrocks,
den sie über schwarzen Wollstrumpfhosen trägt. Bis
dahin findet Rosa Frau Paulys Garderobe ganz in Ordnung, aber
unterhalb der Knie schlottern weiße Kniestrümpfe
mit Lochmuster um ihre spatzendünnen Fesseln und die Füße
stecken in flachen, beigefarbenen Lackschuhen mit silbernen
Spangen. "Also, raus damit! Wonach haben Sie gesucht?"
"Ich habe nichts gesucht, Frau Pauly." "Wozu
dann diese Verwüstung?" "Ihre Schwiegertochter
sagte mir, daß Sie an diese Stelle einen Pfirsichbaum
gepflanzt haben wollen", erklärt Rosa ruhig und zeigt
auf die dürre, zwei Meter hohe Staude im Plastikeimer.
"Das soll ich gesagt haben?" "Und wie
ich das Pflanzloch aushebe, finde ich diese Knochen."
"Einen Pfirsichbaum? Mein Sohn ißt doch gar keine
Pfirsiche. Die sind ihm zu pelzig. Höchstens Nektarinen.
Als Kind mußte ich ihm immer die Schale abmachen, damals
gab es noch keine Nektarinen, Ende der Vierziger. Noch nicht
mal in den Fünfzigern. Die erfand man erst viel später."
"Vielleicht ißt sie selbst gerne Pfirsiche. Oder
Sie vielleicht?" "Mir kommt da kein Pfirsichbaum
hin! Ich will, daß alles so bleibt, wie es früher
war. Genau so." "Kartoffeln, Rüben, Kohl?"
"Unsinn!" Frau Pauly wedelt unwirsch mit der
Hand. Ihre Nägel sind permuttfarben lackiert. "Nicht,
wie es nach dem Krieg war. Sondern früher. Am Anfang." |
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Die
Eisheilige
'Nie wieder ziehe ich dieses Kleid aus',
schwört Frau Weinzierl. Der seidige Stoff fließt
in einem kühlen, blassen Grün an ihr herab und betont
ihre heufarbenen Augen. Aber das ist es nicht allein. Etwas
Außergewöhnliches passiert mit ihrer Anatomie,
seit sie es angezogen hat. Eben fühlte sie sich noch
zu vollbusig, breithüftig und dickschenklig, doch je
länger sie sich vor dem großen Kippspiegel hin-
und herwiegt, desto mehr Gefallen findet sie an ihren barocken
Formen. Sie muß an ihren geschiedenen Mann denken, der
wiederholt festgestellt hatte, sie wäre gar nicht so
dick, ihre Proportionen würden bloß nicht stimmen.
Was für ein Schwachsinn, denkt sie trotzig. Woher nimmt
er das Recht, die Maßstäbe für weibliche Proportionen
zu setzen? Ach, wenn Paul mich jetzt sehen könnnte. Dieser
kokette Schwung der Taille, und ihre Hüften, die gar
nicht mehr plump wirken, sondern weich, rund, ja geradezu
sinnlich. Es muß am Schnitt liegen. Mit wachsendem Wohlwollen
betrachtet Frau Weinzierl ihr Spiegelbild und kommt zu dem
Ergebnis, daß das Kleid sie um zehn Jahre jünger
und um ebenso viele Kilo schlanker macht. Mindestens.
"Ist Ihnen die Länge so recht?" will Sophie
wissen. Gebückt umkreist sie Frau Weinzierls Waden. "M-hm."
Das Kleid ist noch nicht ganz fertig. Es muß noch gesäumt
werden und im Rücken klafft ein langer Spalt, durch den
ein Stück von Frau Weinzierls rosigem, von einem weißen
Büstenhalter eingeschnürtem Fleisch schimmert. Ein
Reißverschluß wird solche Einblicke in Zukunft
verhindern. Frau Weinzierl ist froh, Sophie bei der Wahl von
Schnitt und Stoff freie Hand gelassen zu haben. So wortkarg
und schüchtern diese junge Frau sonst wirkt, mit der
Nähnadel kann sie offenbar zaubern. Sie dreht sich zu
Sophie um, die jetzt hinter ihr steht und in scheuer Haltung
auf das Urteil zu warten scheint.
"Es ist hübsch geworden." Sophie lächelt.
"Soll ich uns eine Tasse Kaffee machen, bis Sie sich
umgezogen haben?" Frau Weinzierl ist unschlüssig.
"Ich muß eigentlich gleich wieder rüber. Die
Handwerker, Sie wissen ja." Sie zeigt aus dem Fenster
auf ihr Haus, das von einem Gerüst umrankt wird. "Wir
könnten uns auf den Balkon setzen. Von das sehen Sie
Ihre Handwerker." Die Handwerker bestehen aus einem einzigen
Maler, den Frau Weinzierl in Schwarzarbeit beschäftigt.
Eben erst, bei der Anprobe, hat sie sich über den Mann
beschwert: über den Dreck, den hohen Stundenlohn, die
leeren Bierflaschen in den Beeten, das nervenaufreibende Gepfeife
und ganz besonders über gewisse Verdauungsgeräusche,
welche er jeden Mittag nach dem Genuß von zwei Exportbier
und einem Ring Fleischwurst von sich gibt. Aber Frau Weinzierl
muß ihr Geld zusammenhalten, seit sie von Paul geschieden
ist. Er hat sich vor drei Jahren einer hochbeinigen Blonden
zugewandt, deren Proportionen keine Männerwünsche
offen lassen.
"Es ist noch so schön draußen", fügt
Sophie hinzu. "Ja, ein richtig milder Herbsttag",
pflichtet ihr Frau Weinzierl bei. "Es gibt in diesem
Jahr einen frühen und harten Winter." "Ach
ja? Steht das in den Bauernregeln?" Der herablassende
Unterton schwingt unüberhörbar mit. "Wenn das
so ist, dann sollten wir die Sonne noch ausnutzen. Aber nur
ein paar Minuten", willigt Frau Weinzierl gnädig
ein.
Sophie strahlt. Ihr ist, als hätte sie eine unsichtbare
Grenze überschritten. "Haben Sie auch Koffeinfreien?"
Sophie, die schon auf dem Weg in die Küche war, bleibt
stehen. "Nein. Oh, das tut mir leid." Aus der Traum.
Sie beißt sich auf die Lippen. Wieder einmal hat sie
versagt. "Dann trinke ich eben Normalen", ächzt
Frau Weinzierl, die sich gerade aus dem neuen Kleid windet.
"Aber höchstens eine Tasse, und nicht zu stark,
hören Sie?"
Sophie eilt beschwingt in die Küche. "Ja, natürlich."
Ach, wenn Rudolf mich jetzt sehen könnte, wünscht
sie sich wenig später. Hoffentlich sieht mich wenigstens
irgendwer. Aber es ist absolut ruhig in der Straße des
gediegenen Stadtviertels mit den gepflegten Häusern,
die von alten Bäumen und hohen Sträucherhecken umgeben
sind. Der einzige Mensch, der sie beide sehen kann, ist der
Maler, der gegenüber auf dem schlampig zusammengezimmerten
Holzgerüst steht und sich gerade am Giebelfenster zu
schaffen macht. Ein junger Mann ist vor einigen Wochen dort
oben eingezogen. Sophie deutet auf das Fenster.
"Wie sind Sie denn mit Ihrem neuen Untermieter zufrieden?""Zufrieden?
Dieser junge Mann ist ein absoluter Glückstreffer. Sind
Sie ihm noch nicht begegnet?" Sophie beobachtet ihn manchmal
von ihrem Nähzimmer aus. Jetzt, Ende Oktober, wird es
früh dunkel, und der Junge nimmt es mit dem Herunterlassen
der Jalousien nicht so genau. "Nein."
"Ach", seufzt Frau Weinzierl aus der Tiefe ihrer
fülligen Brust, "dieser Mensch hat eine Aura - leuchtend
wie die Sonne!"
"Ist er Student?" "Ja, sicher", bestätigt
Frau Weinzierl. Das Streben nach einem akademischen Grad ist
offenbar die Mindestanforderung, die sie an ihre Untermieter
stellt. Frau Weinzierl sticht das zweite Stück Apfelkuchen
an, nachdem sie soeben beschlossen hat, ihre Quinoa-Diät
für eine halbe Stunde zu unterbrechen. "Wirklich,
Sophie, Sie sind eine Künstlerin." |
|
"Das Rezept
stammt von meiner Oma«, erklärt Sophie stolz. Die
Erinnerung an sie hinterläßt ein warmes Gefühl,
irgendwo in ihrem Inneren. "Wie? Ach doch nicht deswegen.
Obwohl der Kuchen auch ganz ausgezeichnet ist. Könnten
Sie mir vielleicht das Rezept aufschreiben?"
"Aufschreiben«, echot Sophie, und für Sekunden
wird ihr heiß. Aber dann hat sie sich wieder im Griff.
"Ja, nachher«, verspricht sie. "Wenn ich noch
alles zusammenkriege. Ich mache das mehr so nach Gefühl.""Ich
dachte nach dem Rezept Ihrer Großmutter?" "Das
schon, aber ..."
Frau Weinzierl wedelt ungeduldig mit der Hand. "Ich meinte
nicht den Kuchen, sondern Ihre Nähkunst. Wo haben Sie
nur diesen Geschmack her, wo Sie doch ..." Nun gerät
Frau Weinzierl ins Stocken, und Sophie vollendet den Satz
im stillen: Wo ich doch sonst so ein Trampel bin. "Ich
weiß es nicht", gesteht sie. "Ich sehe mir
die Person an, und dann habe ich meistens eine Idee, was zu
ihr passen könnte." "Ein echtes Naturtalent
also."
Sophie ist Lob nicht gewohnt, es macht sie verlegen. Sie fühlt
sich genötigt, ihrer Nachbarin ebenfalls etwas Nettes
zu sagen und weist auf Frau Weinzierls Vorgarten, in dem zwei
Dutzend Beetrosen in vier geraden Reihen vor dem Wohnzimmerfenster
paradieren. "Ihre Rosen sind herrlich. Ich bewundere
sie jeden Tag."
"Ach ja", lächelt Frau Weinzierl stolz. Die
hochgewachsenen Black Lady sind ihr Heiligtum. "Ein bißchen
Arbeit machen sie schon, aber man kann seinen Garten ja nicht
völlig verkommen lassen." Sie spielt auf das stark
eingewachsene Grundstück von Sophies rechtem Nachbarn,
des Ehepaars Sauer, an. Sophie verschweigt, daß sie
den Wildwuchs ihrer Nachbarn schöner findet als die aufgeräumte
Behnke-Weinzierl-Fabian Front gegenüber. Links neben
Sophies Haus herrscht ebenfalls Wildnis, das schmale Grundstück
ist unbebaut und findet seit Jahren keinen Käufer. Frau
Weinzierl plappert unermüdlich und akzeptiert eine weitere
Tasse Kaffee. "... und dann sagte ich zu Frau Behnke,
daß es zwecklos ist mit der Sauer zu reden, denn die
Sauer ist Skorpion, und Skorpione sind bekanntlich stur und
streitsüchtig, nicht wahr?" "Ja", sagt
Sophie. Auch Rudolf hat im November Geburtstag.
"NEIN!" schreit Frau Weinzierl und springt auf,
daß die Tassen klirren. Ihr Hals färbt sich von
unten herauf rot und sie kreischt: "Auf meine Rosen!"
Dorothea Weinzierl schätzt es überhaupt nicht, wenn
ihre Schützlinge von fremder Hand gegossen werden, wobei
man in diesem Fall nur indirekt von Hand sprechen kann, denn
der Maler steht mit aufgeknöpftem Hosenladen auf dem
Gerüst und uriniert in Schlangenlinien auf die Köpfe
der Black Lady. "So ein Dreckskerl!"
Ein Pfeifen mischt sich in Frau Weinzierls Atemzüge.
Sie ringt nach Luft, aber anscheinend gibt es selbst hier
im Freien nicht so viel davon, daß es für Frau
Weinzierl reicht. "Meine Tasche. Mein Fläschchen.
Drinnen." Die Worte kommen abgehackt, von Pfeiflauten
unterbrochen aus ihrem Mund, der karpfenartig auf und zu schnappt.
Sophie hastet ins Nähzimmer und reißt die Handtasche
vom Hals ihrer Schneiderpuppe, einem Torso auf einem hölzernen
Dreifuß. Frau Weinzierls Gesicht hat die Farbe der Hibiskusblüten
angenommen, die unter dem Balkon verblühen. Sie krallt
sich ihre Tasche, auf dem Klapptisch beginnen sich Utensilien
zu häufeln, aus Frau Weinzierls Kehle klingt es, als
quetsche man eine leere Shampooflasche. Endlich findet sie
das kleine Sprühfläschchen mit dem Aerosol, und
es zischt vier-, fünfmal hintereinander.
Sophie schaut zum Gerüst hinüber. Der Maler knöpft
sich die Hose unterhalb der ausgeprägten Wölbung
seines Bauches zu und sieht Sophie dabei an. Über das
feiste Gesicht spannt sich ein widerwärtiges Grinsen.
Voller Bosheit und Verachtung, als wüßte er alles
über sie. Eine diffuse Empfindung von etwas Ekelhaftem
erfüllt Sophie in diesem Augenblick, und sie starrt aus
schmalen Augen zurück. Das ermuntert den Mann zu einer
obszönen Geste, und mitten in das nachlassende Pfeifen
von Frau Weinzierl hinein hört sich Sophie bedächtig
sagen: "Der Teufel soll ihn holen." Dann dreht sie
sich um zu Frau Weinzierl. "Geht's wieder?"
Frau Weinzierl hört auf, mit der Serviette vor ihrem
Gesicht herumzuwedeln, nickt, packt Sophie am Arm und deutet
mit der anderen Hand auf ihr Haus. "Da!" Im Giebelfenster,
das zur Hälfte offen steht, erscheint kurz der Umriß
einer Person. "Ihr Untermieter." "Nein",
röchelt Frau Weinzierl, und jetzt erkennt Sophie, was
sie meint. Der Maler vollführt ein paar ungelenke Tanzschritte
auf dem Gerüst. Er krümmt sich und bäumt sich
auf, wie ein fetter Fisch an einer unsichtbaren Angel. Ein
Eimer scheppert, ein Brett klappt in die Höhe, er fällt.
Mitten im Rosenbeet bleibt der Körper liegen. Der weiße
Anzug kontrastiert mit der schwarzen Erde und den blutroten
Rosen, als hätte jemand ein Stilleben nach Schneewittchens
Vorbild arrangiert. Der Kopf hat sich in spitzem Winkel zum
Hals in den Grund gebohrt. Kein Arm, kein Bein bewegt sich,
kein Laut kommt über die sepiafarbenen Lippen. Eine umgeknickte
Rose senkt sich anmutig, als wolle sie sich verneigen, auf
das Gesicht, und Sophie lächelt, denn ihr ist gerade
der Gedanke gekommen, daß Frau Weinzierl nun garantiert
nicht mehr an das Aufschreiben des Apfelkuchenrezepts denken
wird. |
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Mord am Muttertag
aus der Anthologie:
Mord zum Dessert
Almuth Heuner, Andrea C. Busch (Hrsg.)
„Streife fahren bringt überhaupt nichts“, sagte Ferdi mißgelaunt. „Er hat sich noch nie eine von der Straße geschnappt. Immer in ihren Wohnungen. Wenn sie mal eben zur Mülltonne gehen, oder zum Briefkasten, oder ein Fläschchen Wein aus dem Keller holen und nur ganz kurz die Tür auflassen .. “
„Möglich“, antwortete Siggi. „Aber man kann nicht in jedes Haus, in dem so eine Alte wohnt, einen Polizisten stellen. Auf Streife sehen uns die Leute und haben das Gefühl, daß was für ihre Sicherheit getan wird.“
„Es war klar, daß es wieder uns Ledige trifft“, maulte Ferdi. „Sonntagsschicht bei so einem Wetter!“
„Dienst ist Dienst. Denk an den Zuschlag.“
„Ich hab Durst“, knurrte Ferdi. „Fahr zum Kiosk. Scheiß Muttertagsmörder.“
Er holte noch einmal tief Atem und schaute hinauf zum samtblauen Maihimmel, so sehnsüchtig wie einer schaut, der eine lange Haftstrafe anzutreten hat. Wenn ich ein Vöglein wär .. dachte er und drückte resigniert auf den vergoldeten Klingelknopf. Es dingdongte. Er hörte, wie sich die Absätze ihrer Gesundheitsschuhe in den Kokosläufer bohrten, der Schlüssel schabte im Schloß, die Tür öffnete sich gerade so weit, wie es die massive Kette zuließ.
Kein Wunder, daß sie ängstlich war. Er selbst hatte schließlich, auf Geheiß des Chefredakteurs, diese Artikel Wird der Muttertagsmörder wieder zuschlagen? geschrieben. Seit Tagen versetzt der sogenannte Muttertagsmörder die Stadt in Angst .. Im Grunde war es nicht der Mörder, sondern die Presse, die die Leute seit Tagen in Angst versetzte. Der Mörder verhielt sich ganz passiv. Bis jetzt. Wird er auch dieses Jahr wieder eine alte Dame in ihren eigenen vier Wänden überfallen und brutal ermorden.. undsoweiter. Täglich druckten sie die Ratschläge und Warnungen der Polizei an alleinlebende ältere Damen, nur ja keinem Fremden die Tür zu öffnen.
„Ich bin’s Mutti. Mach auf.“
Durch den Türspalt konnte er riechen, was es zum Essen geben würde. Sein Magen krampfte sich zusammen.
Da stand sie, die Lippen ungeschickt angemalt, die Einheitsdauerwelle mit Haarspray zementiert. Sie trug eine karierten Schürze über einem billigen, hellblauen Häkelpulli und dazu den obligaten Faltenrock.
„Ach, du bist es.“ Der leidende Tonfall einer vom Leben Enttäuschten.
„Hallo, Mutti.“
„Du kommst spät. Alles wird verkocht sein, aber das ist dann nicht meine Schuld.“
„Alles Gute zum Muttertag.“ Er hielt ihr den Dreißig-Euro-Frühlingsblumenstrauß vor das Gesicht und küßte sie widerstrebend und so flüchtig wie möglich auf die bleiche Wange. Sie roch nach Maiglöckchen und Sauerbraten. Er wußte nicht , welchen der beiden Gerüche er mehr verabscheute.
„Der ist doch viel zu schön für mich.“ Sie nahm ihm den Blumenstrauß ab und stopfte ihn in eine Vase.
Er schleuste sich durch den engen Flur an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Der Tisch war für drei gedeckt. In der Schrankwand lauerten, zwischen Spitzendeckchen und Kitschporzellan, die Bilder. Er mit einer Schultüte, sein Vater in Uniform, beide in schwarzweiß. Die restlichen Fotos waren farbig: Torsten und seine blonde Gattin, die zwei niedlichen Kinder, das große Haus, der große Hund, Torsten im weißen Kittel, das Stethoskop um den Hals.
Er ließ sich am Tischende nieder, wo er die Fotos nicht ansehen mußte. Am anderen Ende des langen, polierten Nußbaumtisches protzte ein voluminöser Blumenstrauß. Das Kunstwerk der Floristik war mindestens doppelt so groß und teuer wie seiner, die Fleurop-Gebühren nicht mitgerechnet.
„Von Torsten. Wunderschön, nicht wahr?“ Wieder dieser Wimmertonfall, als läge sie im Sterben. Dabei war sie organisch gesund. Bei „organisch“ mußte er an den Sauerbraten denken und heimlich aufstoßen.
„Ja, schön.“
Er half ihr beim Entkorken einer Weinflasche. Honigfarben rann die Spätlese in die Kristallgläser. Er hätte viel lieber ein Bier getrunken, aber Bier war proletenhaft.
Sie schleppte ein Tablett mit Schüsseln und Platten heran, die sie drohend vor ihm aufbaute.
„Sauerbraten. Euer Leibgericht.“ Mit einem großen Vorlegelöffel schaufelte sie kleine, eitergelbe Teigbatzen auf seinen Teller. „Die Spätzle sind matschig. Weil du nie pünklich sein kannst.“
„Ich war pünktlich. Auf die Minute.“
„Wenn man zum Essen eingeladen ist, kommt man nicht in letzter Minute, sondern etwas früher.“ Sie klatschte noch einen letzten Batzen auf den Spätzleberg.
„Danke. Genug!“
„Lang nur ordentlich zu. Wieso mache ich mir sonst die Mühe und steh mir den ganzen Vormittag die Beine in den Bauch?“
Ihre Beine. Gab es diese Stützstrumpfhosen denn tatsächlich nur in der Farbe angegammelter Fleischwurst?
„Du hättest nicht kochen müssen. Du weißt doch, Sonntags frühstücke ich immer spät.“
„Weil du dich am Samstag die ganze Nacht mit Schlampen herumtreibst.“
Ihre Stimme klang nun gar nicht mehr leidend, sondern scharf wie das Messer, mit dem sie gerade den Braten in Scheiben schnitt. Er lag auf einer weißen Platte mit Goldrand.
„Du sitzt auf Torstens Platz. Setz dich bitte dahin.“ Sie wies auf den Stuhl an der Längseite.
„Wieso? Kommt er noch?“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem hämischen Grinsen. Sie hatte einen Schönheitsfehler, die Musterfamilie: sie lebte in Baltimore.
„Sie haben ihn zum Leiter der urologischen Abteilung befördert, habe ich das schon erzählt?“ Sie hatte.
„Jedem das seine. Mahlzeit.“
„Setz dich jetzt da rüber!“
Er gehorchte und nahm seinen Teller mit.
„Wann wirst du mal befördert?“
„Ich habe ein eigenes Ressort innerhalb der Lokalredaktion. Bei einer kleinen Zeitung gibt es nicht so viele Aufstiegsmöglichkeiten.“
Wozu erzählte er ihr das überhaupt? Für sie würde er immer ein kleiner Schmierenjournalist bleiben. Ein Versager.
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Sie legt ihre Schürze ab, fädelte zwei Scheiben Braten auf die Fleischgabel und ließ sie auf seinen Teller glitschen. Aus einer Sauciere goß sie eine wässrigbraune Flüssigkeit über das Arrangement.
„Heutzutage muß man dankbar sein, wenn man mit Vierzig noch einen Job hat“, fügte er trotzig hinzu.
„Dein Vater ist mit Vierzig aus der Gefangenschaft gekommen und hat ganz von vorn angefangen ..“
„Und war mit Fünfzig tot.“
Schicksalsergeben ließ sie sich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen. Ihr Haupt mit den grauen Löckchen, die an einen Königspudel erinnerten, sank für einen Moment auf ihre volle Brust, ehe sie den Blick anklagend zum Himmel hob, die Hände faltete und sagte: „Bei Gott, es war nicht einfach für mich, euch beide alleine großzuziehen. Aber wenigstens ist aus deinem Bruder was geworden. Er wird übrigens im Dezember zum drittenmal Vater.“
Er schwieg.
„Bei dir ist der Zug ja wohl abgefahren. Du hast ja noch nicht einmal eine Frau, geschweige denn ..“
„Unser Vater war auch über Vierzig, als ihr geheiratet habt“, unterbrach er gereizt.
„Das waren andere Zeiten.“
Er verzichtete auf einen Einwand.
„Willst du nicht mit deiner Mutter anstoßen?“
„Doch, natürlich, Mutti.“ Er hob sein Glas. „Alles Gute zum Muttertag.“
„Danke“, sagte sie und hatte wieder ihren Leidenszug um den Mund.
Süß und warm rann der Affenthaler die Kehle hinunter. Er mußte husten.
„Laß es dir schmecken, Junge.“
Er schaute auf seinen Teller. Die Soße hatte eine dünne Haut bekommen. Die Spätzle waren aufgedunsene Maden, durch die Bratenscheiben zog sich eine breite, glibbrige Sehne wie eine Krampfader.
Er schnitt ein Stück Braten ab. Das Fleisch war faserig und zäh.
„Iß“, sagte sie.
„Ich kann nicht.“ Er legte das Silberbesteck hin.
Ihre Mundwinkel zuckten. „Willst du mich mit Absicht kränken?“
„Nein, Mutti. Aber ich kann nicht.“
„Dein Vater und dein Bruder haben meinen Sauerbraten geliebt. Nur du mußt immer Zicken machen, dein ganzes Leben hast du nur Probleme gemacht. Iß, sage ich!“
Er nahm die Gabel wieder in die Hand und steckte das aufgespießte Stück Fleisch in den Mund. Er schluckte ihn ohne zu kauen hinunter. Auf halbem Weg durch die Speiseröhre überkam ihn Brechreiz und er spie den Batzen auf den cremeweißen Läufer.
„Also, das ist doch ..!“ Vor Empörung waberte ihre Brust unter dem hellblauen Häkelpulli wie Götterspeise.
„Es tut mir leid, Mutti!“
Sie erhob sich und sah ihn aus schmalen Augen an. „Du willst also nicht essen, was deine Mutter liebevoll gekocht hat?“
„Ja. Nein. Ich ..“ Er verstummte. Er wußte, was ihm bevorstand.
Sie verließ das Zimmer und kam mit einem kalten Gesichtsausdruck und einem Gürtel in der Hand zurück.
„Kennst du den?“
Er nickte. Seine Hände schwitzten.
„Antworte mir.“
„Vaters Gürtel“, hauchte er. Er hatte Schweißtropfen auf der Stirn. „Bitte, Mutti, ich werde essen, ich ..“
„Zu spät. Runter mit dir!“
Heute war sie besonders wütend. Er zählte vierundzwanzig Schläge auf die nackte Haut, davon sechs mit der Gürtelschnalle.
Heulend kroch er auf den Stuhl zurück. Sitzen konnte er nicht, nur knien. Sein Gesicht hing über der Platte mit dem Fleisch, das wie Erbrochenes roch.
Sie beugte sich über den Tisch, das Kreuz an ihrer Halskette pendelte über dem Braten. Ihre Hand legte sich wie ein Schraubstock um sein Kinn. Perlmuttnägel gruben sich in seine Haut.
„Schau mich an!“
Stahlgraue Augen, graurosa Wangen, blutrote Lippen, graue Pudellöckchen, hellblaue Häkelbrüste, goldenes Kreuz über stahlgraublitzendem Messer ..
„Wirst du jetzt aufessen?“
„Fahr zur Hölle, Mutti!“
Stahlgraues Messer in weiches Hellblauhäkelpulllifleisch. Ein Fleck entstand, so rot wie ihr staunender Mund. Schnell arbeitete sich das Rot durch das Häkelmuster, Stäbchen für Stäbchen. Der Mund ging auf und zu, sie kippte nach vorn, Pudellöckchen sanken zwischen Bratenplatte und Spätzleschüssel.
Er vertiefte sich für einen lustvollen Moment in den Anblick, brannte ihn in sein Hirn. Er spürte eine wachsende Erregung, von der er wußte, daß sie noch lange anhalten würde. Dann rückte er seinen Krawattenknoten zurecht, legte einen Umschlag auf die Anrichte und trat hinaus ins Freie. Die Sonne schien, Vögel sangen. Es versprach noch ein schöner Sonntag zu werden.
Elke räumte den Tisch ab, riß die Fenster auf, warf das Essen in den Mülleimer und den rotverschmierten Pullover in die Waschmaschine. Sie seufzte. Sonntage waren immer anstrengend, und der Muttertag war der Schlimmste von allen. Während der Woche lief ihr Geschäft ganz normal, Familienväter und Führungskräfte kamen zum Auspeitschen und Piesaken, aber Sonntage und Feiertage gehörten den Durchgeknallten. Der von eben, zum Beispiel, kam seit einem halben Jahr etwa einmal im Monat. Doch sie durfte nicht klagen, sie verdiente gut an diesen Herren. Das Kuvert wanderte in ihre Handtasche.
Sie säuberte das Messer mit der versenkbaren Klinge und legte es in die Schublade, zu der Pudelperücke, den Fotografien und dem BH mit den Mammutbrüsten aus Latex. Schnell noch einen Kaffee und eine Dusche, dann mußte sie das Zimmer umdekorieren und sich umziehen. Um vier kam Ferdi mit dem Ärztinnen-Tick. Sie mußte noch die Gipsverbände und die Spritzen herrichten.
Am Montag atmete man auf dem Polizeipräsidium erleichtert auf. Kein Leichenfund war gemeldet worden. Dies verdanke man den umfangreichen Präventivmaßnahmen, ließ der Dienststellenleiter vor der Presse verlauten.
Nur die Leser der Lokalzeitung waren im geheimen ein klein wenig enttäuscht über die Schlagzeile: Erster Muttertag ohne Mord seit sieben Jahren. |
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