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Beitrag „Krimi-Schauplätze“ von Ulrike Sarkany
für NDR Kultur am 30.06.2008, 17:30 Uhr

Dass Krimi-Autoren sich auf ihre eigene Stadt als Schauplatz spezialisieren, ist sicher mindestens seit Sir ArthurSusanne Mischke: Wölfe und Lämmer Conan Doyle Tradition. Wir besuchen in diesem Sommer mal ein paar Kriminalschriftsteller im Sendegebiet und lassen uns von ihnen an ihre Tatorte führen.

Den Anfang macht Susanne Mischke. Sie stammt zwar aus Kempten im Allgäu und hat auch mal in Berlin und Darmstadt gewohnt, aber seit sechs Jahren ist sie mit ihrer Familie in Holtensen am Deister zu Hause – und das hat sich deutlich niedergeschlagen in ihrem Werk: „Wölfe und Lämmer“ war zwar ihr zehnter, aber auch ihr erster Roman, der in der hannoverschen Region spielt, dann kam „Liebeslänglich“ - und jetzt „Der Tote vom Maschsee“. In jenem einst künstlich ausgehobenen Gewässer, an dem bekanntlich auch das hannoversche NDR-Funkhaus liegt, schwimmt lediglich die erste Leiche.

(Wasserglucksen)
Zitat aus dem Buch: „Gelbgrüne Haut, spärliches dunkles Haar, das wie Seetang auf dem runden Schädel wabert, die Augen des Mannes sind weit offen und wirken gläsern, fast durchsichtig, der Mund ist eine dunkle Höhle.“

Kein schöner Anblick, so ein Toter im Maschsee. Aber Julia Alexa Wedekin, Jahrgangsbeste der Polizeihochschule und jetzt Novizin bei der Mordkommission Hannover, ist nicht zimperlich. Und zum Glück für den Leser ist sie auch noch ein wandelndes Lexikon.

(Bäumerauschen)
Als sie und ihr Kollege Fernando Rodriguez z.B. auf dem Stöckener Friedhof eine abgeschnittene menschliche Zunge begutachten, die jemand auf dem Haarmann-Denkmal deponiert hat, weiß sie genau zu sagen, wer dieser Fritz Haarmann war und dass das Monument natürlich für seine Opfer ist und nicht für ihn, den Serienmörder aus Susanne Mischke: Liebeslänglichder Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Ihre Kollegen nervt Jule schon bald mit ihren kleinen Volkshochschulvorträgen, aber die Autorin setzt die historischen Informationen geschickt dazu ein, ihre Handlung voranzutreiben.

Susanne Mischke: „Ja natürlich, das hat immer mit den Tatorten zu tun. Ich will ja keinen Geschichtsreiseführer Hannover schreiben, aber wenn man an so einem Ort ist, finde ich es ganz gut, wenn man ein bisschen was über die Geschichte weiß, denn sonst kann man sich ja auch gar nicht vorstellen, wie es da aussieht oder warum das da ist.“

Susanne Mischke recherchiert solche Fakten genau und holt sich auch Rat z. B. bei der Justizvollzugsanstalt oder bei der Kriminalpolizei.
(Atmo Bürogebäude)

Ihren Hauptkommissar Völxen – wohlgemerkt mit x geschrieben – gibt es zwar nicht in Wirklichkeit, aber selbstverständlich hat sich die Autorin mit dem echten Amtsinhaber genauestens unterhalten. Wie findet sie dann die Namen?

Susanne Mischke: „Die finde ich, indem ich mich eingehend mit den Figuren beschäftige und irgendwann habe ich dann einen Namen, oder man kann auch umgekehrt sagen: Solange ich noch am Namen rumbastele für die Figur, so lange habe ich die Figur auch noch nicht richtig im Griff. Irgendwann ist der Name dann einfach da, und dann weiß ich, ja, der ist es. Es ist auch ein bisschen Anspielung dabei, z.B. Völksen ist ja das nächste Dorf. Das ist halt ein kleiner Gag, den ich mir da erlaubt habe.“

Bei aller Grausamkeit der Verbrechen sind Susanne Mischkes Krimis immer auch ein bisschen komisch. In ihren Susanne Mischke: Der Tote vom Maschseefrüheren Büchern hat sie aus der Perspektive der Verbrecher erzählt. Was hat sie denn nun bewogen, in „Der Tote vom Maschsee“ gleich ein ganzes Ermittlerteam einzuführen?

Susanne Mischke: „Also mein Schwerpunkt war bisher mehr bei den Psycho-Krimis, bei denen eben die Ermittler nur am Rande auftauchen oder erst gegen Ende. Ich wollte für Hannover jetzt eine Serie, und Serienkrimis machen sich doch sehr häufig an den Ermittlern fest, an den Tätern, das wäre ja ...!, Also Serienkrimis haben im allgemeinen ermittelnde Personen als Hauptfiguren. Das war der Grund.“

Bodo Völxen, Oda Kristensen, Jule Wedekin und Fernando Rodriguez, von deren Privatleben man schon einiges erfährt in der ersten Folge, sind besonders wegen ihrer menschlichen Schwächen so sympathisch, dass man jetzt auf viele Fortsetzungen hofft.

Susanne Mischke: „Gut, ich weiß jetzt nicht, was zehn Bücher weiter sein wird, sofern ich überhaupt so weit komme, aber bei vier Ermittlern dauert es eine Weile, bis sie einem fade werden, sie machen ja auch Entwicklungen durch, und wenn mir einer anfängt auf die Nerven zu gehen, dann kann er ja mal umgebracht werden oder irgendwie so.“

Werden Jule und Fernando denn noch ein Paar?

Susanne Mischke: „Na, das kann ich jetzt natürlich nicht verraten, aber wenn man sich die beiden so anschaut, dann kann man es sich doch eigentlich selber beantworten.“



Frau Mischke, wir hätten da mal ein paar Fragen

Warum schreiben Sie Krimis?
Es heißt, erste das dritte Buch macht einen Autor zum Schriftsteller. Mein drittes Buch war das "Mordskind". Als die Idee in meinem Kopf Gestalt annahm, war klar, daß diese Geschichte nur als "Psycho-Thriller" erzählt werden kann.
Ein Verbrechen schafft Gemeinschaft, Mord ist das Verbrechen, das uns am meisten berührt. Ein Mord knüpft ein Band zwischen den Figuren eines Romans. Natürlich gilt das auch für den Liebesroman - aber zwei, dreihundert Seiten über die Liebe ... Naja, wer’s mag.
Der Kriminalroman hat gewisse Regeln. Es ist überaus reizvoll, sich mit seiner Geschichte innerhalb dieser Regeln zu bewegen, reizvoller als ohne sie. Ein Spiel ohne Regeln ist langweilig, oder?
Die Grenzen des Genres sind unerschöpflich weit. Wer meine Romane gelesen hat, weiß, daß selbst eine Autorin sehr verschiedenartige Romane schreiben kann, die alle noch irgendwie als Kriminalroman durchgehen. Der Kriminalroman ist
der Gesellschaftsroman. Nicht zu verwechseln mit dem gesellschafts-kritischen Roman. Das kann ein Krimi sein, muß aber nicht. Mir ist es lieber, wenn nicht. Es kann furchtbar nerven, wenn Autoren – anstatt eine Geschichte zu erzählen – mehr oder weniger penetrant eine Botschaft rüberbringen wollen. Wenn die Geschichte gut ist und mit Herzblut geschrieben wurde, dann tut sie das ohnehin von ganz allein.

Haben Sie demnach eine Botschaft für Ihre Leser?
Nein! Noch einmal: Nichts ist schrecklicher, als Moralisten, die Romane schreiben.

Gibt es den typischen "Mischke"-Roman?
Ich sage: "Nein." Mein Lektor sagt: "Ja." Finden Sie’s raus.

Was ist Ihr Lieblingsmord?
Der an "Rudolf" in "Die Eisheilige". Weil selbst ich gar nicht weiß, ob es einer ist. Metzeleien oder Gewaltorgien sind nicht mein Stil.
Mein "originellster" Mord, wenn es denn sein muß, ist der mit dem Bauschaum in "Schwarz ist die Nacht". Hierfür habe ich, glaube ich, das Monopol.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Mit Kritik von Lesern: Sehr ernsthaft.
Mit Kritik von Kollegen: Kommt drauf an ... Mit Kritik von "Kritikern": Da habe mir eine Elefantenhaut zugelegt, seit ich beobachtet habe, wie fröhlich da voneinander abgeschrieben wird ...
Letztlich ist was Wahres an dem dran, was mir Bestsellerautorin Gaby Hauptmann einmal zum Trost sagte: "Nicht der Inhalt zählt, sondern die Fläche."
Ärgerlich finde ich, wenn Dinge bekrittelt werden, die in dem kritisierten Buch gar nicht oder völlig anders vorkommen — sprich, wenn deutlich wird, daß der "Rezensent" das Buch gar nicht oder nicht ganz gelesen hat.

Vor der LesungWas ist Ihr Credo beim Schreiben?
Billy Wilders 13. Gebot: Du sollst nicht langweilen.

Wie bekommen Sie Ihre Ideen?
Agatha Chrisitie meint dazu: "The best time to plan a book is while you're doing the dishes."
Nun verfügt der Haushalt aber über eine Spülmaschine ....
Ideen entstehen in Geprächen mit Freunden und Kollegen, wenn sich Leute in Cafés und Restaurants lautstark unterhalten oder im Zug ihre Beziehung per Handy regeln. (Da entsteht dann gleich der Mordgedanke mit dazu.) Oder beim Friseur. Oder bei der Lektüre von "Fragen an Frau Irene". Oder tatsächlich beim Putzen.
Lesung in einer Brauerei

 

 

 

 

Sehen Sie auch in Ihrem Gegenüber ständig potentielle Mörder?
Das kommt auf die Situation an. Manchmal sehe ich auch potentielle Mordopfer.

Sie haben seit 1994 jedes Jahr einen Kriminalroman veröffentlicht. Haben sie keine Angst, daß Ihnen eines Tages die Ideen ausgehen?
Nicht, solange es Baumärkte, und schon gar nicht, so lange es Leute gibt, die einen nerven.